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Marcel und Regula Rebiai, Mai /August 2000
I. Einführung
II. Berufung des Menschen zur Vater- und Mutterschaft
III. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
1. Die Person der Eltern
2. Ehe
3. Menschenbild
4. Beziehung zum Kind
5. Der Lebensraum des Kindes: die Familie
I. EINFÜHRUNG
In der Physik gibt es das bekannte Grundgesetz der Entropie, das Gesetz vom Zerfall. In allem und jederzeit nehmen Unordnung und Chaos mehr und mehr zu, setzt man dieser Entwicklung nicht gezielt Ordnungen, Schranken und Formen entgegen. Täglich erleben wir dieses Gesetz an uns selber. Bewusst eingesetzte Kraft ist notwendig, um eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten. Selbst im Weltall streben die Himmelskörper immer mehr auseinander.
Ordnung und Fruchtbarkeit
Von allein entsteht keine Ordnung und keine Form - und darum auch keine Frucht. Deshalb ist es nicht selbstverständlich, dass werdendes Leben in optimale Lebensverhältnisse hinein- wachsen und sich entfalten kann. Ein Weinstock muss beschnitten und von wilden, nutzlosen Zweigen befreit werden. Diese zapfen seinem Stamm nur Saft ab und zehren an seiner Substanz, ohne Frucht zu bringen. Nur ein beschnittener Weinstock bringt Frucht, die auch geniessbar ist - allerdings hat er weniger Triebe als ein wilder.
Jedes Kind, das zur Entfaltung gebracht werden will, braucht zunächst andere Menschen, die sein Leben aufziehen, hegen und pflegen, ihm Lebensraum schaffen und Leben ermöglichen. Ein sich selbst überlassener Mensch verwildert und zerstört sein eigenes Leben und dasjenige anderer. Sein Leben wird formlos im Sand zerrinnen.
Das Ziel von Erziehung: Leben
Unter Erziehen verstehen wir das Heranbilden einer Persönlichkeit. Die Reifung einer Persönlichkeit geschieht mit zunehmendem Bewusstwerden der Wirklichkeit Gottes, der eigenen Wirklichkeit und der seiner Umwelt. Wenn sich diese Bewusstwerdung in einem Rahmen der Sicherheit, klaren Orientierung und Geborgenheit ereignet, werden daraus gesunde Beziehungen zu Gott, zu sich selber und zum Nächsten heranwachsen. Ein solcher Mensch wird beziehungs- und konfliktfähig. Beides ist Voraussetzung, damit ein Mensch sein Leben optimal entfalten und seine von Gott gegebene Bestimmung erfüllen kann: nämlich in der Fülle zu leben und selber Leben zu ermöglichen, d.h. sich und seinen Nächsten einen weiten Lebensraum zu schaffen.
Prägung ist unumgänglich
Ganz am Anfang der Erziehung stellt sich die Frage, an welchem Gottes- und Menschenbild sich Eltern orientieren. Darüber müssen sich alle erziehenden Eltern Klarheit verschaffen. An unserer Sicht von Gott, von uns selber, vom Nächsten und der Welt entscheidet es sich, in was für eine Form, in was für einen Ausdruck, in was für eine Existenz wir ein Leben prägen. Ob es uns gefällt oder nicht, ob wir uns an die Ordnungen Gottes halten oder nicht: Jedes Leben wird in eine Form geprägt. Diese Prägung wird sich auf die Entfaltung des eigenen Lebens und auf das anderer Menschen entweder fördernd und aufbauend oder hindernd und zerstörend auswirken. Das Leben wird in einem Menschen immer nach seiner Prägung Gestalt annehmen. Umso wichtiger ist es gerade für uns Christen, dass wir uns Rechenschaft darüber ablegen, welches Gottes- und Menschenbild, welche Sicht des Lebens uns und unsere Kinder eigentlich prägt. Die Frage ist, welches Bild an einem werdenden Leben zunehmend Gestalt annehmen soll. An unserer Sicht des Lebens wird sich entscheiden, ob unsere Kinder in Beziehungs- und Vertrauensfähigkeit, in Freiheit, in Weite, in Fruchtbarkeit, in Hoffnung und Liebe hineinwachsen oder in Beziehungslosigkeit, im Misstrauen, in Angst, in Enge, in Zwängen, in Resignation, in Selbstablehnung und in Gleichgültigkeit enden.
Das Wesen des Menschen
Wenn wir uns Gedanken über die Grundlagen und das Ziel von Erziehung machen, wollen wir von Gottes Wort und seinen Absichten ausgehen. Er ist unser Schöpfer. Wir wollen die Prinzipien, die er in uns gelegt hat, verstehen und ihnen folgen. Es geht nicht um irgendeine Erziehungsmethode, sondern darum, zu verstehen, welches Wesen Gott uns gegeben hat und nach welchen Gesetzmässigkeiten sich unser Wesen zur Lebensreife entwickelt.
Gott ordnet
Mit dem Schöpfungsakt beginnt unsere Geschichte. Das Handeln Gottes ist von Anfang an schöpfend und ordnend. Er trennt die Elemente: das Licht von der Finsternis, die Feste der Erde vom Firmament, das Wasser vom Festland. Er gibt allem eine bestimmte Form und einen Namen.
Lebensfülle in der Beziehung zu Gott
In diese geordnete Erde hinein schafft er den Menschen nach seinem Bild, auf sich ausgerichtet, zur Gemeinschaft und Beziehung zu ihm. Gott ist einziger Lebensquell und das Lebensziel des Menschen. Gott schuf den Menschen dergestalt, dass er in der Beziehung zu ihm und als sein Gegenüber zur Erfüllung kommen würde. Der Mensch kann nur in dem Masse, wie er Gott erkennt und in die Beziehung zu ihm hineinwächst, erfahren, wer er selber ist und was der Sinn seines Daseins ist. Nur in der Beziehung zu Gott kann ein Mensch sein Selbstverständnis, seine Identität entwickeln.
Ohne Gott wächst das Böse
Wo Gott in der Gemeinschaft der Menschen keine Wirklichkeit mehr ist und sein Angesicht immer mehr entschwindet, verliert der Mensch zunehmend sein Selbstverständnis und seine Bestimmung aus dem Blickfeld. Er verliert die Orientierung. Im Herumirren verlieren sich alle lebenserhaltenden und sinngebenden Prinzipien und Werte. Von da her ist der einzelne Mensch nicht mehr fähig, sich in Beziehung zu sich selbst und zu seinem Nächsten zu begreifen. Er kann nicht mehr beurteilen, was lebensfördernd oder lebenszerstörend ist.
Das führt unweigerlich zum Zerfall jeder Gemeinschaft und Gesellschaft. Genau das geschieht in unserer Zeit: Gott wird mehr und mehr ausgeblendet und verliert an Wirklichkeit im Leben und Denken des heutigen Menschen. Als Konsequenz werden Werte wie Wahrheit, Ordnung, Liebe und Gerechtigkeit relativ und verlieren ihre Bedeutung. Wertneutralität existiert jedoch nicht. Es gibt nur Gott, der das Leben und Friede ist - oder Verwahrlosung, Isolation und Tod.
II. BERUFUNG DES MENSCHEN ZUR VATER- UND MUTTERSCHAFT
"Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet die Erde und macht sie euch untertan! (Genesis 1,28)." Mit diesem zweifachen Auftrag hat Gott den Menschen zur Vaterschaft und Mutterschaft berufen, so wie er sich selber dem Menschen gegenüber als Vater und Mutter versteht und offenbart. Gott hat diese Berufung jedem Menschen gegeben, anderen Menschen gegenüber - in unterschiedlichem Mass - Vater- und Mutterschaft entgegenzubringen. Darin spiegelt sich das Wesen Gottes am vollkommensten.
Herrschen
Gott hat den Menschen berufen, in Seinem Namen über diese Schöpfung zu herrschen. Der Mensch soll Gottes Wesen dieser Schöpfung bekannt machen und sichtbar und greifbar werden lassen, wer und wie Gott ist. Wo Gott herrscht, entsteht immer Raum zum Leben. Wie er vor der Erschaffung des Menschen Licht und Ordnung in die Finsternis gebracht hat, so ruft Gott den Menschen, ebenso als Vater und Mutter ordnend ins Leben ihrer Kinder einzugreifen. In der Autorität der Eltern liegt es, im Leben eines Kindes Licht von Finsternis, gut von böse, oben von unten zu trennen, Dinge, Gefühle, Abläufe, Verhältnisse zu benennen und in seinem Leben eine klare Bahn zu schaffen.
Geistiges und charakterliches Training
Wie bei einem wachsenden Weinstock ist es Aufgabe der Eltern, bei ihren Kindern die guten Triebe von den schlechten unterschieden. Sie müssen die nutzlosen Triebe abschneiden, auch wenn es sie und das Kind schmerzen mag, damit das Leben des Kindes stark und fruchtbar wird. Damit ist viel geistiges und charakterliches Training verbunden, die ein Kind befähigen, Selbstbeherrschung zu lernen, Selbstsucht zu überwinden und sich von Gott einsetzen zu lassen. Das verlangt von Eltern, dass sie selber diesen Weg zurückgelegt haben, um als Vorbild ihr Kind führen zu können.
Eltern sind Vorbilder
Ein Kind erlebt zunächst an Vater und Mutter, wer Gott ist. Im Erleben des Kindes haben Eltern alle Qualitäten Gottes wie Allmacht, Allwissenheit, Stärke, Fürsorge usw. Die gemachten Erfahrungen werden eins zu eins auf Gott übertragen. Das Entstehen von Vertrauensfähigkeit zum Beispiel hängt damit zusammen, ob ein Kind erlebt hat, dass es sich in allem auf Vater und Mutter und auf ihre Beziehung zueinander verlassen konnte. Das Gottesbild wird an der Erfahrung der irdischen Vater- und Mutterschaft geprägt.
Das Reich Gottes ist Friede, Freude und Gerechtigkeit. Diese Eigenschaften sind Voraussetzung für Leben überhaupt. Ein Kind wird von seinen Eltern in dieses Reich eingeführt. Es liegt in ihrem Machtbereich, ein Kind mit Gott, seinem Lebensquell und Ursprung, vertraut zu machen, es in die Beziehung zu Gott einzuführen und in der Gemeinschaft mit Gott sein Leben zu verankern.
In Mündigkeit führen
Wie ein Mensch nur in der Beziehung zu Gott erfahren kann, wer er ist, entwickelt auch ein Kind seine Identität zunächst an der Beziehung zu Vater und Mutter. In der Geborgenheit und Sicherheit seiner Beziehung zu seinen Eltern wächst sein Selbstverständnis heran und erwacht immer mehr. So nimmt die Beziehung zu sich selber stetig klarere Formen an, und es entsteht eine eigene, bewusste Identität.
Erziehung bzw. das Aufziehen eines Kindes hat zum Ziel, dass das Kind immer mehr Gott und sein Reich erlebt, bis es eine eigenständige Gottesbeziehung entwickelt hat und sein Leben ohne die Hilfe der Eltern in Mündigkeit verantworten kann.
Mehren
"Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet die Erde..." Fruchtbar sein bedeutet, das eigene Leben vermehren. Wie im Ordnen und Herrschen beteiligt Gott den Menschen auch durch das Kinder bekommen am Schöpfungsakt.
Gott ist Liebe
Um von allem Anfang eines Lebens an klar zu machen, wer er ist, lässt er den Beginn neuen Lebens - die Zeugung eines Kindes - sich dort ereignen, wo die Beziehung zwischen zwei Menschen am dichtesten ist. Gott hat den Anfang eines jeden Menschenlebens in diese Liebe und Zuneigung eingebettet, damit dieses neue Leben von Anfang an an der Liebe der Eltern erkennen kann, wer Er ist: Gott ist Liebe.
Leben hingeben
"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht." (Joh.12,24.)
Vermehrung und Frucht entstehen nur, wenn das Mutterkorn stirbt. Gott hat dieses Prinzip in seine Schöpfung gelegt, und es wird auch in der Erziehung, im Hervorbringen von Frucht in den Kindern wirksam. Wenn Vater und Mutter nicht ihr Leben, ihr Eigenes, ihre Kraft und ihre Zeit hingeben, wird ihr Leben keine Frucht tragen, und ihre Kinder werden nicht zum Leben kommen. Wie Jesus sein Leben für uns hingegeben hat, damit wir leben, sollen auch wir unser Leben hingeben, damit andere zum Leben kommen, zuallererst unsere Kinder. So beteiligt Gott die Menschen in gelebter Vater- und Mutterschaft an der Erlösung von Menschenleben, am Zurückbringen der Menschen zu Gott.
Ein hohes Mass an Disziplin
Ein Kind auf Gott hin zu erziehen fordert ein grosses Mass an Selbstdisziplin und Hingabe. Ungeteiltes Engagement ist gefragt. Weil dies unser ganzes Leben betrifft und nicht einfach als isolierter Auftrag wahrgenommen werden kann, ist Kinder erziehen und selbst Kinder haben in unserer Zeit zunehmend unattraktiv; es würde das Weggeben eigener Pläne und Vorstellungen vom Leben bedeuten, viel Zeit und Geld binden und einen im ungehinderten Ausleben der eigenen Bedürfnisse einschränken.
Söhne und Töchter Gottes
Gott will, dass an uns als Söhnen und Töchtern Gottes sein Wesen sichtbar wird. Das ist in seinen Augen das Ziel jeder Erziehung: Wir und unsere Kinder sollen zu Gottesmännern und Gottesfrauen, Männer und Frauen nach dem Herzen Gottes heranwachsen. Das ist kein zu hoher Anspruch!
Insofern ist es nicht in erster Linie das Ziel, dass es unsere Kinder einmal gut haben werden. Darum kann es in der Erziehung auch nicht nur um die Befriedigung der Bedürfnisse eines Kindes gehen. Wir müssen ein Kind befähigen, von sich weg auf Gott zu schauen. Das setzt voraus, dass unser eigenes Leben auch nicht auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet ist.
Den Platz in Gottes Reich einnehmen
Gottes Vorstellungen von seinen Söhnen und Töchtern ist klar:
"Sieh, ein Geschenk Jahwes sind Söhne; ein Lohn ist des Leibes Frucht. Wie in der Hand des Kriegers die Pfeile, so sind die Söhne aus den Jahren der Jugend. Heil dem Mann, der mit ihnen füllt seinen Köcher; nicht versagen sie im Streit mit dem Gegnern am Tore" (Ps. 127, 3-5 ).
Indem die Söhne Gottes in das Wesen des Vaters, das Leben, Friede, Freiheit und Gerechtigkeit ist, hineinwachsen, stellen sie sich dem Bösen in dieser Welt, das sich in Egoismus, Zerstörung und Hass ausdrückt, entgegen und überwinden es.
"Unsere Töchter seien wie Ecksäulen, für Paläste gemeisselt" (Ps 144, 12). Gottestöchter sind Frauen mit Profil (gemeisselt), tragfähig wie Säulen, mit grosser Spannkraft und Kapazität, die ihren Platz nicht verlassen (wehe dem Haus, wenn eine Säule ihren Platz verlässt...!).
Der Welt begegnen können
Erziehung hat zum Ziel, ein Kind für die Begegnung mit der Welt und mit dem Bösen, dem Feind Gottes und somit dem Feind des Lebens, des Friedens, der Freiheit und Gerechtigkeit, zuzurüsten. Ein Kind soll gezielt Widerstand leisten können. Es soll widerstandsfähig werden, nicht abgehärtet (nicht nach dem Prinzip: Was mich nicht gerade umbringt, macht mich stark).
Fruchtbar werden
Kinder und überhaupt Menschen zu erziehen, ist in den Augen Gottes ein Akt der Liebe; denn er will nicht, dass ein Leben verwildert und zu Grunde geht. Ihm liegt an uns, und er wünscht sich, dass unser Leben vielfältige Frucht trägt. Erziehung hat nichts mit gefügig und abhängig machen gemeinsam - es setzt ein Leben frei, in der Weite und Kraft des Gottesreiches zu leben und anderen Menschen zu Lebensraum zu verhelfen.
Erschwernisse
Mit dem Sündenfall werden die beziehungsmässigen Voraussetzungen zwischen Gott und dem Menschen und somit auch der Menschen untereinander völlig verändert. Das wird in der Beziehung zwischen Eltern und Kind sichtbar. Misstrauen und Auflehnung seitens der Kinder, Machtmissbrauch und Gleichgültigkeit seitens der Eltern erschweren das Hineinführen eines Kindes in das Reich Gottes. Das Erziehen auf Gott hin, das Heranwachsen als Gottessohn und als Gottestochter ist darum nicht mehr selbstverständlich gewährleistet.
Nicht nur der Acker wurde verflucht, auch Erziehung ist aufgrund des Sündenfalls harte Arbeit geworden, die mit dem Aushalten vieler innerer und äusserer Konflikte verbunden ist.
Eltern brauchen Stehvermögen
Bewusste Vater- und Mutterschaft zu leben setzt ein festes Stehvermögen und klare Persönlichkeiten voraus, die in der Beziehung zu Gott gegründet und gehalten sind.
In der Hinführung von Menschen zu Gott, in der Erziehung von Kindern, von jungen wie von älteren, haben wir den Feind Gottes und des Menschen zum Widersacher. Deshalb müssen Väter und Mütter - wie in Epheser 6 beschrieben - einen festen Stand einnehmen. Sie müssen wissen, wo sie stehen, und festen Boden unter den Füssen haben. Sie müssen die Waffenrüstung anziehen, um sich nicht entmutigen zu lassen und Glauben für ihre Kinder zu haben - ebenso Wahrheit und Unterscheidungsvermögen in ihrer Führung.
Schutz vor dem Bösen
Vater und Mutter haben die Aufgabe, ihre Kinder vor den zerstörerischen Kräften in und um sie zu schützen" denn sich selbst überlassen sind sie dem Gesetz des Stärkeren ausgeliefert, dem Bösen, der Zerstörung und dem Chaos. Es braucht viel Kraft, Entschiedenheit und Wachheit Kindern gegenüber, immer und überall, in allen Belangen und bewusst die Führungsaufgabe wahrzunehmen. Solche Vater- und Mutterschaft kann letztlich nur in der Autorisation von Gott, dem Vater aller Vaterschaft, gelebt werden: "Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat. Er möge euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihen, dass ihr durch seinen Geist machtvoll erstarkt im inneren Menschen" (Eph. 3,14-16).
Das sind Auftrag und Angeld, die jedem Vater und jeder Mutter von Gott her gelten.
Die Bedeutung der Ehe
Die Ehe, die Beziehung zwischen Mutter und Vater, ist der Ort, wo sich Erziehung optimal ereignen kann. Der Mensch ist als Beziehungswesen geschaffen und kann nur im Erleben von Beziehungen beziehungsfähig werden. Ein Kind erlebt zunächst an der Beziehung zwischen Vater und Mutter, was Beziehung ist. Es lernt am Modell, was Respekt, Zuneigung, Vergebung und Fürsorge im Leben von Menschen bewirken und wie man dies ausdrücken kann.
Alleinerziehende
Darum ist auch die Situation alleinerziehender Väter und Mütter schwierig. Allein vermag weder der Vater den seelischen Bedürfnissen eines Kindes gerecht zu werden, noch kann eine Mutter allein in ihrem Kind die Spannkraft zur Konfliktfähigkeit aufbauen als Voraussetzung, um dieser Welt als Persönlichkeit zu begegnen. Ein Elternteil allein kann nur eine Dimension anbieten. Als Glieder eines Leibes sind darum die Gläubigen einer Gemeinde aufgefordert, diesen Mangel auszufüllen, in die Lücke zu stehen und Verantwortung zu übernehmen. Schon im Alten Testament ist es Gott ein Anliegen, dass sich die Gläubigen der Witwen und Waisen annehmen, und dies nicht nur im materiellen Bereich.
III. VORAUSSETZUNGEN UND RAHMENBEDINGUNGEN
Erziehung ist zunächst, ganz abgesehen vom Inhalt, von verschiedenen Komponenten abhängig, die wir, auch wenn sie zusammenspielen und aufeinander einwirken, weiter unten einzeln betrachten möchten. Diese Komponenten bleiben für alle Entwicklungsphasen dieselben und beeinflussen ganz direkt die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Kindern auf das Ziel von Erziehung zugehen. Der Erfolg unserer Erziehung wird weitgehend davon abhängen, wie bewusst uns die einzelnen Komponenten sind und in welchem Verhältnis wir zu ihnen stehen. Das ergibt die Rahmenbedingungen von Erziehung, die Voraussetzungen.
Mit den folgenden Ausführungen wenden wir uns bewusst an Menschen, für welche der Glaube an Jesus Christus und die Inhalte und Normen der Bibel verbindliche Lebensgrundlage sind.
1. Die Person der Eltern
Geklärte Identität
Die erste Voraussetzung in der Erziehung ist durch die Person der Eltern gegeben; denn jeder kann nur weitergeben, was er hat und ist, und nicht was er gerne sein möchte. Darum müssen Eltern in einer bewussten Auseinandersetzung mit ihrer Identität stehen und ein möglichst klares Selbstverständnis haben. Nur in dem Mass, wie die Beziehung zu sich selber, die Beziehung zu Gott und zum Nächsten geklärt ist, kann ein Mensch Führung wahrnehmen und einen klaren Weg vorgeben. Identität, Selbstverständnis und Zugehörigkeit wachsen aus einer nahen und vertrauensvollen Beziehung zum himmlischen Vater. Wenn Eltern in einer tiefen Beziehung zu Gott und in geklärten Beziehungen zu den Menschen leben und eine offene Haltung dem Leben gegenüber haben, werden sie ihre Kinder auch dahin führen können.
Selbstverständnis als Mann und Frau
Zu einem geklärten Selbstverständnis gehören auch klare Vorstellungen von Gottes Absichten vom Mannsein und Frausein und ein ganzes Ja zur eigenen Geschlechtlichkeit. Dies wird die Aufgabe vereinfachen, den Platz als Vater oder Mutter in der Familie ganz auszufüllen und die entsprechende Verantwortung wahrzunehmen. Wenn man nicht weiss, was Gott einem diesbezüglich aufgetragen hat, ist es auch schwierig, diesen Auftrag mit Autorität auszuleben.
Charakter
Charakter, Vorlieben und Schwachstellen von Vater und Mutter und wie diese zu ihnen
stehen, werden sich in der Erziehung niederschlagen. Darum ist es von grosser Bedeutung, seinen eigenen Charakter zu kennen und im Umgang mit Stärken und Schwächen Selbstbeherrschung gelernt zu haben. Weil sich ihre Persönlichkeit in den Kindern widerspiegelt und vervielfältigt, ist es gerade für Eltern wichtig, dass sie auf dem Weg der Charakterbildung unterwegs bleiben und bewusst daran arbeiten, dass das Bild Jesu in ihrem Leben immer sichtbarer wird. Dann werden die Früchte des Geistes heranreifen, und die Kinder werden sie pflücken und davon leben: von der Liebe, der Freude, vom Frieden, der Langmut, der Freundlichkeit, der Güte und Treue, der Sanftmut und Selbstbeherrschung.
Disziplinierter Lebensstil
Das setzt einen bewussten, disziplinierten Lebensstil voraus und macht Eltern bereit, sich jederzeit allen möglichen Situationen zu stellen und ihren Kindern Lebensraum zu schaffen, wann und wo auch immer. In dieser bewussten Auseinandersetzung mit dem Leben zu stehen und nicht nur den Alltag einer Familie zu bewältigen, sondern sie auch noch auf ein Ziel hin zu führen, braucht viel Kraft. Diese Bereitschaft kann nur ein Mensch leben, dessen Geborgenheitsquelle ganz bei Gott ist und der aus dieser Beziehung alle Kraft zum Leben schöpfen kann.
Frage nach dem Lebenssinn
Die persönlichen Lebensziele von Eltern schlagen sich in der Erziehung nieder. Auch unformulierte, vage Vorstellungen, gar Illusionen werden sich auf die Erziehung auswirken. Sollen aus den Kindern Gottessöhne und Gottestöchter werden, so muss für die Eltern selber klar sein, dass ihr Lebenssinn das Sichtbarmachen des Reiches Gottes ist und sie in der Beziehung zu Gott mehr als nur persönlichen Segen für ihr Leben erwarten, nämlich die Erfüllung der Bitten: Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe. Nur so wird es Eltern möglich sein, ein Kind ganz Gott zuzuführen und es für sein ganzes Leben in dieser Beziehung zu verankern, auf dass es selber fruchtbar werde und dass durch es das Gottes Reich in dieser Welt ein Stück zunehmen kann.
Entscheidend in der Erziehung ist also zunächst, wo Eltern als Persönlichkeiten stehen.
2. Ehe
Ort der Reifung
Die zweitwichtigste Voraussetzung für Erziehung ist mit der Ehe gegeben. Die Ehe, die Beziehung von Vater und Mutter zueinander, ist für das Kind der Ort der Reifung. In diesem Raum macht ein Kind seine primären Lebenserfahrungen, durch welche seine Identität geformt wird. In der Erfahrung, wie Vater und Mutter zueinander stehen, miteinander und mit dem Kind umgehen, wie sie sich zum Leben und zu anderen Menschen stellen und ihre Beziehung zu Gott leben, entwickelt ein Kind sein eigenes Selbstverständnis und ein Grundwissen über sich und die Welt. Zunächst unbewusst, aber mit wachsendem Bewusstsein orientiert sich ein Kind an der Haltung der Eltern, die in ihrer Beziehung zueinander, in der Ehe sichtbar gemacht wird. Ein Kind hat keinen anderen Lebensraum zur Verfügung als die Ehe, in die es hineingeboren wird.
Frucht wächst heran
Die Ehe ist wie der Rebstock, von dem die Rebe ihren Lebenssaft bezieht. Je nach Wurzeln und Beschaffenheit des Rebstockes wachsen auch die Reben. Ein Kind wächst nach der Geburt nicht unabhängig von den Umständen auf. Das menschliche Leben ist wie eine Frucht, die in allen Bereichen von Geist, Seele und Leib abhängig ist von der Nahrung, die ein Kind von der Geburt bis zur Mündigkeit erhält.
Gott hat einem Kind ganz bewusst zwei Autoritäten gegeben, damit ein Raum, ein Spielraum entsteht, in welchem sich sein Leben entfalten kann. In diesem Raum kann es sich bewegen, hin- und hergehen wie in einem Garten. Es muss nicht nur einer Spur folgen, sondern hat die Gelegenheit, seinen eigenen Weg in dieser Bahn zwischen Vater und Mutter zu entdecken.
Vertrauenswürdigkeit von Autoritäten
Am Umgang von Vater und Mutter miteinander erfährt ein Kind zuallererst, ob Autoritäten vertrauenswürdig sind. Dieses Vertrauen ist die Voraussetzung für alle weiteren Werte, die in einem Kind heranwachsen sollen und es zur Persönlichkeit reifen lassen. Erlebt ein Kind jedoch, dass die Beziehung zwischen Vater und Mutter ein Kampfplatz ist, beide Seiten ihre Macht ausspielen, das gemeinsame Leben immer wieder zur Machtfrage wird und es letztlich Vater wie Mutter nur um ihr eigenes Leben geht, dann wird es verunsichert und sein Wachstum beeinträchtigt. An der Ehe soll ein Kind erfahren: Da sind zwei ganz verschiedene Menschen, die ganz füreinander sind, ganz für mich sind und mir trotzdem klare Richtlinien geben und mir gegebenfalls gemeinsam Widerstand leisten. Es lernt Autorität als eine Kraft kennen, die ihm Lebensraum schafft, Sicherheit und Geborgenheit gibt und in ihm eine klare Haltung aufbaut, ein Profil zum Vorschein kommen lässt.
Einheit in der Ehe
Je erfüllter eine Ehe ist, je mehr innere Einheit Vater und Mutter zusammen ausleben können, umso mehr Autorität ist jedem auch gegeben, dem zu begegnen, was im Leben der Kinder zum Vorschein kommt. Wenn eine Ehe schon in sich schwierig ist, die Ehepartner schon einander keine Sicherheit und Geborgenheit geben können und mit ihren eigenen Konflikten nicht zurechtkommen, wird es ihnen auch nicht möglich sein, den Bedürfnissen der Kinder nachzukommen und ihr Leben auf gute Bahnen zu bringen.
Integrität
An der Beziehung von Vater und Mutter zueinander wird ein Kind auch feststellen, ob das Leben seiner Eltern integer ist, ob ihr Leben mit ihrem Reden übereinstimmt. Dieses Wissen um die Integrität seiner Eltern wird in der Pubertät ein entscheidender Anker für sein Leben werden und verhindern, dass die Vertrauensbeziehung zu den Eltern abbricht.
An der Ehe lernt ein Kind beispielhaft, wie man Respekt, Achtung und Gefühle jeder Art zum Ausdruck bringen kann, ohne den anderen zu verletzen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Je tiefer, gefestigter, erfüllter, gegründeter, klarer, einheitlicher und reicher die Ehebeziehung ist, desto weniger Probleme werden sich in der Erziehung der Kinder ergeben, weil eine klare Führung da ist, unter deren Autorität sie sich sicher fühlen.
3. Menschenbild
Biblisches Menschenbild
Für das Gelingen von Erziehung ist das Menschenbild, von dem ich in der Erziehung ausgehe, ebenso entscheidend wie die vorher beschriebenen Voraussetzungen. In der Förderung und Entfaltung eines Kindes müssen wir vom biblischen Menschenbild ausgehen, um der Natur des Kindes gerecht zu werden. Eine Idealisierung des Kindes führt zu falschen Einschätzungen, zu Enttäuschungen, Überforderung und Vernachlässigung.
Jedes Kind ist problematisch, weil es als gefallenes Geschöpf zur Welt kommt. Auch ein Neugeborenes ohne eigene Geschichte wird als Teil der gefallenen Schöpfung mit einem rebellischen Herzen geboren. Rebellion und Eigenwille wie auch Betäubung und Verdrängen sind ihm bereits ins Herz geschrieben. Kein Kind kommt als unbeschriebenes Blatt mit einem reinen Herzen zur Welt. Die Meinung, ein Kind werde erst durch die Berührung mit der gefallenen Schöpfung mit dem Bösen infiziert, ist nicht biblisch. "Das Sinnen des Menschenherzen ist böse von Jugend an" (Genesis 8, 21). Das ist eine Feststellung, die Gott nach der Sintflut macht. Nur die Gerechten hat er überleben lassen, und dennoch wächst im Laufe der Menschheitsgeschichte erneut vor allem Zerstörung heran. Auch bei einem lieblichen Neugeborenen ist das Sinnen seines Herzens nicht einfach gut.
Geborener Egoist
Ein Kind geht natürlicherweise nur von sich aus, macht sich und seine Bedürfnisse zum Massstab. Es erlebt sich als Zentrum allen Geschehens und muss erst in die Realität des Eingeordnetseins in ein Netz von Beziehungen, der Zugehörigkeit zu Eltern und Geschwistern eingeführt werden. Seine Reaktionen sind nicht primär gegen die Eltern als Autoritätspersonen gerichtet; vielmehr sieht es einfach nur seine eigenen Bedürfnisse. So sehr ein Mensch auf Beziehung hin geschaffen ist, wird er als gefallener Mensch doch als Egoist geboren, der zunächst unfähig ist zu jeder Beziehung, die nicht direkt auf sein Wohlergehen ausgerichtet ist.
Sofortige Bedürfnisbefriedigung
Ein Kind sucht, auf sich gestellt, immer den einfachsten Weg, um im Moment zum grössten Wohlbefinden zu kommen. Viele Anfragen und Wünsche von Kindern sind so motiviert. Von sich aus ist ein Kind immer bereit zum Konsum; jede Art von Unterhaltung ist willkommen, sei dies der Fernseher oder ein Erwachsener, den man benutzen kann, solange er einen unterhält, von dem man dann aber wegläuft und ihn vergisst. Da gilt es für Eltern zu unterscheiden, was der Entwicklung eines Kindes förderlich ist und was nicht.
Ins Leben einweisen
Die zunächst vor allem gefühlsmässige Wahrnehmung eines Kindes von sich und der Welt ist egozentrisch und chaotisch. Es ist Aufgabe der Eltern, dieses Chaos zu ordnen, Ordnungen festzulegen und dem Leben des Kindes Strukturen zu schaffen, so wie Gott das bei der Schöpfung mit der wüsten und dunklen Erde getan hat. Eltern müssen ein Kind einweisen in die Bahnen, die zum Leben führen. Denn jedes Kind wird, sich selber überlassen, dem Bösen ausgeliefert sein und in Knechtschaft kommen, in die Irre gehen und in der Einsamkeit enden. Grenzen setzen bedeutet, ein Kind vor dem Bösen zu schützen, seine Kraft zu bündeln. Sonst verläuft sein Leben im Sand. Es wird eine haltlose Persönlichkeit ohne Profil.
Liebe und Festigkeit
Dieses Einweisen in den Weg zum Leben braucht Liebe und Festigkeit. In der Erziehung gehören sie zusammen und schliessen sich nicht aus. Was das Kind erleben soll, ist liebevolle Festigkeit und feste Liebe. Das fördert einen starken Charakter.
4. Beziehung zum Kind
Bedingungslose Liebe
Welcher Art die Beziehung der Eltern zum Kind ist, ist in der Erziehung ebenso entscheidend wie die Erziehungsziele selbst. Weil die Eltern-Kind Beziehung die Beziehung Gottes zum Menschen widerspiegelt, kann ihre Grundlage nur die bedingungslose Liebe sein. Das tiefe Wissen und Erleben, dass sich die Eltern nie absetzen werden, ist das Lebenselixier eines Kindes, in dem es gross werden und sich entfalten kann.
Lebensmotivation und Spannkraft
Umgeben von dieser Liebe wird es befreit zum Leben, erfährt Lebensmotivation und die Freiheit, in eine eigene Identität hineinzuwachsen. Ein Kind bedingungslos zu lieben bedeutet, mich ganz auf das Leben und die Person eines Kindes einzulassen, es körperliche und seelische Nähe erleben zu lassen, damit eine starke, emotionelle Beziehung heranwachsen kann, die das Kind Spannungen in der Erziehung und später in der Begegnung mit der Welt aushalten lässt. Das Erleben von bedingungsloser Liebe schafft beim Kind Spannkraft, Stehvermögen und ein tiefes Vertrauen, das ihm ermöglicht zu gehorchen, auch wenn es schwierig wird.
Emotioneller Tank
Ein Kind (und auch ein Erwachsener) speichert diese Liebe in einem emotionellen Tank, als eine Art Reserve, auf die ein Mensch in Momenten der Spannung und des Stresses zurückgreift. Diese Reserve ist das tiefe Wissen vom Geliebt- und Anerkanntsein, das ein Kind vor allem in der konzentrierten Zuwendung, aber auch in der alltäglichen Begegnung mit den Eltern immer wieder aufs neue sammelt. Diese Liebe, die in allem ganz für das Kind ist, ist ihm aber nicht einfach zu Willen. Bedingungslose Liebe deckt Schuld auf, benennt sie, führt in die Wahrheit und vergibt.
Mehr als natürliche Liebe
Bedingungslose Liebe ist eine Entscheidung, die Eltern vor der Zeugung ihres Kindes fällen sollen; sie kostet viel. Es ist die erklärte Bereitschaft, auf Ungestörtheit, grosse Anschaffungen, persönliche Hobbies, einen Teilzeitjob, Ferien und vieles mehr zu verzichten. Die bedingungslose Liebe geht über die natürliche Liebe hinaus. Natürliche Liebe geht nur soweit, bis der Schmerz grösser wird als der Gewinn, den es uns bringt. Dieses Ja zum Kind ohne Bedingungen kostet jedoch sehr viel. Bedingungslose Liebe kostet mich das Leben - das hat es Jesus auch gekostet. Indem Eltern ihre Zeit und Kraft, ihr Leben hingeben, schaffen sie dem Kind Lebensraum in dieser Welt des Bösen und beteiligen sich so an der Erlösung eines Menschenlebens. Nur wenn wir uns selber bedingungslos geliebt und angenommen wissen von Gott, können wir diese Liebe auch unseren Kindern weitergeben.
Eigentum Gottes
Ein Kind ist ein Vertrauenserweis Gottes an Eltern; ein Vertrauen, das Eltern nicht missbrauchen dürfen, indem sie durch das Leben eines Kindes ihr eigenes Leben bauen, ihre Träume verwirklichen und es als Erweiterung ihres eigenen Lebens missbrauchen. Das Kind ist nur eine Leihgabe von Gott, ein anvertrautes Gut Gottes. Keiner hat das Recht, ein Kind Gott zu enteignen. Von allem Anfang an ist es Gottes Eigentum, geschaffen zur Beziehung mit seinem Schöpfer. Sein Leben wird sich in der Sohnschaft zu Gott hin erfüllen, nicht in der Sohnschaft von Eltern. Als Kind Gottes verdient jedes Kind Achtung und Würde.
Ins Leben entlassen
Als gute Verwalter sollen Eltern mit allem, was sie vermögen, einem Kind Lebensraum schaffen. Mögen sie jedoch noch so viel in ein Kind investieren, es wird nie ihr Eigentum. Auch wenn sie es nahe an ihr Leben herannehmen, um es bedingungslose Liebe erleben zu lassen, müssen Eltern von allem Anfang an den Prozess der Loslösung zulassen, damit das Kind eine eigene Persönlichkeit werden kann. In den ersten Jahren ist es in der Regel schwierig für Mütter, später für Väter, ein Kind in eine eigene Identität zu entlassen und sein Leben ganz loszulassen.
5. Der Lebensraum des Kindes: die Familie
Reich Gottes in der Familie
Die Familie ist wie ein Mikrokosmos des Reich Gottes. In der Familie soll ein Kind erleben, wie sich die Herrschaft Gottes in der Familienatmosphäre und in den Beziehungen untereinander in Friede, Freude und Gerechtigkeit auswirkt. Dafür sorgen Vater und Mutter.
Auseinandersetzung mit dem Leben
Unter dem Schutz von Vater und Mutter kann sich ein Kind in diesem sicheren, geordneten und geborgenen Rahmen der Familie den Auseinandersetzungen mit dem Leben erstmals stellen. Durch die Beziehungen innerhalb der Familie wächst und festigt sich in einem Kind das Gefühl von Zugehörigkeit. Es erlebt, dass es ein fester Bestandteil einer Gemeinschaft ist und darin seinen eigenen Platz hat.
Definierter Platz
Diesen Platz in den familiären Beziehungen und Lebensraum in Zeit und Raum geben und garantieren einem Kind die Eltern. Sie definieren seinen Lebensrahmen, der sich nicht auf Kosten anderer Familienmitglieder ausdehnen darf. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass ein Kind ein Gefühl von Zugehörigkeit entwickelt. Es muss von den Eltern darin unterwiesen und in seinen festen Platz in der Familie eingewiesen werden, wo ein Kind erfährt: Es hat nicht nur einen festen Platz; es muss diesen auch einnehmen, ausfüllen und entdecken, ohne sich ständig mit den anderen zu vergleichen. Es lernt zu teilen, wegzugeben, ohne den eigenen Platz zu verlieren.
Eltern sorgen dafür, dass das einzelne Kind von seinen Geschwistern in seiner Individualität ganz angenommen und geliebt ist, von ihnen verstanden und ernst genommen wird. Die Familie soll ein Schutzraum sein, in dem jedes Familienmitglied auch Blösse und Schwäche zeigen kann.
Ein Teil des Ganzen
In der Einordnung in die Familienbeziehungen lernt ein Kind, dass es nicht für sich allein steht und seine Bedürfnisse nicht die einzige Realität sind. In den Beziehungen zu seinen Geschwistern erfährt ein Kind, dass jeder Mensch Anrecht auf Respekt, Würde, Vergebung, Barmherzigkeit, Korrektur, Ermutigung und Ergänzung hat. Unter der Aufsicht der Eltern kann es diese beziehungsmässigen Qualitäten einüben und wird so überhaupt beziehungsfähig. Viel geistiges und charakterliches Training ist nötig, bis ein Kind dahin findet, seinen Egoismus, sein Eigenes zu überwinden, sich zunächst anderen Menschen zuzuwenden, um sich dann Gott ganz zur Verfügung zu stellen. Dieses Training findet in der Familie statt.
Praktische Zurüstung
Nicht nur beziehungsmässig, auch in den praktischen Belangen des Lebens wie im Erlernen von Hausarbeiten und Handfertigkeiten, im Einüben von Sorgfalt, Ordnung und einer guten Arbeitshaltung erfährt ein Kind in der Familie Ausbildung und Zurüstung. Wie weit ein Kind für die praktische Seite des Lebens vorbereitet wird, hängt vom bewussten Leben der Eltern und den Anregungen durch die Geschwister ab. Auch da geht es um ein Training, das die Eltern beaufsichtigen und führen. Ein Trainer gibt nicht einfach nur Anweisungen und verlässt dann das Feld; er erklärt, erklärt nochmals, lässt üben, beobachtet und korrigiert, unterstützt, ermutigt - immer mit dem Ziel, dass das Kind diese Fertigkeit eines Tages in eigener Regie und Verantwortung wird einsetzen und ausüben können. So sollen Vater und Mutter ihr Kind auch in den praktischen Belangen des Lebens unterweisen und ihm bewusst Raum schaffen, sich darin zu üben und Erfahrungen zu machen. Das verlangt von Eltern viel Disziplin und gelebtes Vorbild.
Anregung durch Geschwister
Auch wenn die Erziehung den Eltern obliegt und sie diese nicht an ältere Geschwistern delegieren dürfen, kann ein Kind von den Anregungen seiner älteren und jüngeren Geschwistern und deren Welt viel profitieren. Wiederum liegt es an den Eltern, dass Berührung und Auseinandersetzung mit der Welt der Geschwister stattfindet. Von sich aus interessiert sich ein Kind nur solange für seinen Bruder, wie er interessant und unterhaltsam ist.
Die Familie ist für ein Kind weit prägender als Freunde und Schule, selbst in der Pubertät, wo es sich zeitlich mehr in den letzten beiden Beziehungsfeldern aufhält. Die Familie ist der Boden, auf dem ein Kind das Leben lernt. Für die Bodenbeschaffenheit sind Vater und Mutter zuständig.
Es ist uns bewusst, dass unsere Anstösse und Gedanken bezüglich der Voraussetzungen für eine lebensfördernde Erziehung nicht vollständig sind, sondern eben nur Anstösse, als Anregung zum weiteren Arbeiten an diesem Thema gedacht. Wir wünschen Euch eine fruchtbare Auseinandersetzung für Euer eigenes Leben und das Eurer Kinder, den leiblichen und den geistlichen.