DeutschEnglishFrançais
Vision Themenvertiefung Schulung Eins�tze Kontakt Spenden

 

Gemeinsames Leben

als pdf zum Herunterladen (161 KB)

Marcel Rebiai, August 1997

Was ist unser Auftrag? Reich Gottes sichtbar zu machen... 
Gemeinsames Leben ist Ausdruck meiner Gottesbeziehung
Wahrheit und Vergebung schafft Gemeinschaft
Versöhnung macht beziehungsfähig
Jesu Vermächtnis: ein neues Gebot...
Den Bruder achten und zurechtbringen
Gemeinsames Leben schafft Lebensraum
Wer sein Leben verliert, wird es finden...
Kraftvolles Zeugnis


Was ist unser Auftrag? Reich Gottes sichtbar zu machen...

Wir sind geschaffen, damit Reich Gottes gebaut wird und Gott in seiner Schöpfung sichtbar wird. Reich Gottes bauen bedeutet, die Realität der Herrschaft Jesu in dieser Welt sichtbar und fassbar zu machen durch unser Leben. Darin liegt die Bestimmung und Erfüllung des Menschen. Was Jesus am Kreuz vollbrachte, wollen wir in Jesu Namen in diese Schöpfung hinein bezeugen und so Licht in diese Finsternis hineinbringen. Wir wollen die frohe Botschaft aus Römer 8 verkünden: "So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind." Das ist die frohe Botschaft der Erlösung, der Befreiung von der Besetzungsmacht des Bösen.

Wo Menschen immer mehr in das Wesen von Jesus verwandelt werden, da wächst das Reich Gottes. Es kommt. Es etabliert sich und wird sichtbar in dieser Welt. Gleichzeitig wird das Reich der Finsternis vertrieben. Als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft wollen wir, dass das Reich Gottes in uns und durch uns gebaut wird. Die Offenbarung der Versöhnung Gottes mit dem Menschen in Jesus soll in uns spürbar und sichtbar werden. Das ist Ziel und Inhalt unseres Lebens.

Im Lesen des folgenden Lehrtextes werdet Ihr feststellen, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Reich Gottes immer wieder auf dieselben Dinge zurückkommen wird. So unendlich vielfältig, kreativ und farbig das Reich Gottes ist, so einfach ist das, was wesentlich ist. Es ist so einfach, dass Jesus sagte: "Vater, ich danke dir, dass du das den Einfachen und Unmündigen offenbart hast." (Math.11) - und nicht denen, die den Eindruck haben, für sie sei die Einfachheit eine Zumutung. Was Gott absolut wesentlich ist, hat er den Einfachen offenbart, denn sein Reich kann sich nur in einem Herzen entfalten, das sich seiner Armut und Bedürftigkeit bewusst wird und bekennt: "Herr, sei mir armem Sünder gnädig!"


top ˆ
Gemeinsames Leben ist Ausdruck meiner Gottesbeziehung


Gemeinsames Leben wird oft missverständlich und einseitig als Möglichkeit gesehen, wo lebensunfähige, schwache Menschen einen vor den harten Anforderungen des Lebens geschützten Lebensraum finden; eine Möglichkeit, die eigenen Nöte und Grenzen, vor allem aber die eigene Einsamkeit loszuwerden und Geborgenheit und Umsorgtwerden zu erfahren. Doch Beziehung im biblischen Sinn, die Grundlage aller Gemeinschaft, meint etwas ganz anderes. Beziehung im biblischen Sinn heisst, von sich selber wegschauen, ganz auf den anderen ausgerichtet sein, mich be-ziehen auf den anderen. In welchem Umfang, in welcher Tiefe und Verbindlichkeit ich mein Leben mit meinem Bruder teile, mich auf ihn beziehe, ist Ausdruck meiner ganz persönlichen Beziehung zu Gott Vater. "Wer seinen Bruder, den er vor Augen hat, nicht liebt, der vermag Gott, den er nicht gesehen hat, erst recht nicht zu lieben" (1. Joh. 4,20). Meine Liebe zu Gott muss in der Liebe zum Bruder sichtbar werden.

Gemeinsam leben - das ist nicht nur Angelegenheit der Menschen, die miteinander in einem Haus, einem Zentrum oder Kloster wohnen und somit natürlicherweise ihren Alltag teilen. Wir als Lebensgemeinschaft sind nicht an einem Ort zentralisiert. Bewusst leben wir in der Stadt verteilt in verschiedenen Haushaltungen, um unter den Menschen als Licht zu leuchten. Wir nehmen bewusst Zeitaufwand, Weg und Einschränkungen in Kauf, damit wir uns mehrmals wöchentlich treffen können zu Gebet, gemeinsamem Essen und Austauschen, Lehre, Gottesdienst, gemeinsamem Arbeiten und Verbringen der Freizeit. Um diese Verbindlichkeiten und Abmachungen einzuhalten und zu füllen, braucht es eine innere Entschiedenheit. Diese verbindlichen Strukturen ermöglichen es uns, immer wieder zueinander zu finden, unser individuelles Leben miteinander zu teilen, einander zu ermutigen, zu stärken und zurechtzubringen.


top ˆ
Ziel der Schöpfung


Um die grundsätzlichen Zusammenhänge meiner ganz persönlichen Gottesbeziehung und dem gemeinsamen Leben in der Tiefe zu verstehen, ist es wichtig, Gottes Schöpfungsgedanken zu begreifen. Gott schuf den Menschen als sein Gegenüber, um mit ihm Gemeinschaft zu haben; denn Gott ist ein Gott der Beziehung. Gemeinschaft ist demnach weder Organisation noch Institution, sondern Ausdruck gelebter Beziehung.

Das Ziel der gesamten Schöpfung war und ist Gemeinschaft: Gemeinschaft der Menschen mit Gott, der Menschen untereinander und der Menschen mit der ganzen restlichen Schöpfung. Gott hat den Menschen als ein Beziehungswesen geschaffen, das sein Selbstverständnis, seine Identität, seine Sicherheit, Geborgenheit, seinen Frieden - alles, was sein Leben ausmacht, nur dann erfährt, wenn es in Beziehung zu ihm, seinem Schöpfer, lebt. Gott, der sich den Menschen als sein Gegenüber geschaffen hat, hat ihn nach seinem Bilde als Liebeswesen geschaffen. Gott wollte den Menschen ganz an seinem Wesen teilhaftig werden lassen. Und Gottes Wesen ist Liebe. Liebe offenbart sich in der Beziehung.

Was sich im Sündenfall ereignet hat, ist ein Beziehungsbruch auf allen Ebenen. Der Mensch hat sich nicht mehr auf Gott und sein Wort an ihn bezogen und musste als Konsequenz erfahren, dass er definitiv aus jeder lebenswichtigen und lebenserhaltenden Beziehung herausgefallen war: aus der Beziehung zu Gott, aus der Beziehung zu sich selber und aus der Beziehung zu seinem Gegenüber. Damit verlor er auch sein Selbstverständnis, seine Identität und Sicherheit. Er hat vergessen, wer er ist; denn losgelöst von jeder Beziehung hat der Mensch keine Informationen über sich. Er weiss nicht, wer er ist, wenn er nicht in Beziehung lebt.

In dieser Realität steht die Welt bis heute, und auch wir als davon Erlöste erleben an uns die Auswirkungen dieser grossen Tragödie: Wir leben in mehr oder weniger zerstörten, unheilen, undurchsichtigen, ungeklärten Beziehungen zu uns selber, zu unserem Nächsten und auch zu Gott. Angst, Egoismus und Selbstfixierung sind die treibenden Kräfte geworden. Die Liebe ist ausgelöscht, die Beziehung abgebrochen - so ist keine Gemeinschaft mehr möglich.


top ˆ
Wahrheit und Vergebung schafft Gemeinschaft


Trotzdem blieb Gott bei seinem Anliegen: er wollte Gemeinschaft. Darum hat er uns in Jesus eine Chance gegeben, zurückzufinden zu ihm, dem Gott der Beziehung, und neu hineingeboren zu werden in diese Gemeinschaft. Jesus sagt von sich: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nimmermehr in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben" (Joh. 8,12). Wer Jesus nachfolgt, sich auf ihn bezieht, sich an ihm ausrichtet, der wird Leben und Gemeinschaft erfahren. "Wenn wir aber im Lichte wandeln, wie er selber im Licht ist, dann haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde" (1. Joh. 1,7). Gemeinschaft entsteht nur in dem Mass, wie wir miteinander und voreinander im Licht Jesu leben, das heisst voreinander offenbar werden mit unserem ganzen Wesen. Bruderliebe (oder Gemeinschaft) ist nur im Licht möglich, und beides zusammen bewahrt uns auf dem geraden Weg zum Vater: "Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Lichte, und in dem ist nichts, was ihn zum Fall bringen könnte." (1. Joh. 2,10). Wenn einer transparent im Lichte lebt, so wird ihm echte Gemeinschaft mit jedem Menschen möglich sein, egal aus welchem Hintergrund, aus welcher sozialen Schicht, Kultur oder Prägung er kommt. Jeder Christ ist dazu berufen, im Licht zu leben und so sein Leben zu teilen.

Im Licht wird unsere eigene Sündhaftigkeit, unsere Schuld und Schwäche offenbar, und wir werden diesen Ort nur aushalten, wenn wir uns von Jesu Blut reinigen lassen, vergeben und uns vergeben lassen.

"Wenn du dem Bruder nicht vergibst, wird der Vater dir auch nicht vergeben." Wenn ich meinem Bruder, der an mir schuldig geworden ist, sei das aus Unvermögen oder Missverständnis, nicht vergebe, habe ich keinen Anteil am Bau des Reich Gottes. Wo ich nicht vergebe und den Bruder in der Anklage festhalte, mache ich mich eins mit dem Ankläger. Sein Wesen wird an mir sichtbar. Anklage zieht den Feind an wie Mist die Fliegen.

Wenn Vergebung unsere Beziehungen prägt, wird unser Vater und sein Reich an uns erkannt werden. Darum fordert Jesus uns auf zu bitten: "Vergib mir meine Schuld, wie auch ich denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind." Da geht es nicht einfach um Vergebung als Gegenleistung für gewährte Vergebung. Gott möchte, dass sein Wesen an uns sichtbar wird; er, der barmherzig und gnädig ist und schnell zum Vergeben.

Jede Anklage schwächt uns. Wenn wir einander in der Gemeinschaft täglich vergeben und uns reinigen von aller Anklage gegeneinander, so werden unsere Beziehungen zu einem Schutz für den Einzelnen, zu einem Bollwerk für den Feind, in das er nicht so schnell eindringen kann. Lebe ich in Frieden und in der Versöhnung mit meinen Geschwistern, so darf ich auch gewiss sein, dass ich damit unter dem Schutz Gottes stehe, frei von Anklage. Ich bin dem Feind nicht einfach ausgeliefert.


top ˆ
Versöhnung macht beziehungsfähig


Jesu zentralstes Anliegen war, uns durch seinen Tod hinter das Geschehene des Sündenfalls zurückzuführen, in eine heile, vollkommene, ganze Beziehung zum Vater. Er versöhnte uns mit dem Vater, damit Versöhnung auch mit uns selber und mit unserem Gegenüber möglich wurde. Versöhnung bedeutet, sich einander zuzuwenden, sich wieder aufeinander zu beziehen. Beziehung und Gemeinschaft sind die Frucht von Versöhnung. Ohne Angst und Misstrauen kann ich mich wieder auf das Leben meines Nächsten einlassen und ihn teilhaben lassen an meinem Leben. Mich dem anderen zuwenden bedeutet auch, ihn ganz anzunehmen wie er ist, mit allem Unheilen, mit aller Schwäche. Beziehungen von tiefem Vertrauen, frei von Anklage, Misstrauen und Angst, werden möglich. Zerstörte Beziehungen verwandeln sich nur in heile, indem sie gelebt und geklärt werden und wo die Bereitschaft da ist, sich vom Heiligen Geist in die Wahrheit zu führen, in die Wahrheit über sich selber, über Gott und seinen Nächsten.

"Durchforsche mich, Herr, und erkenne mein Herz" (aus Psalm 139). Der Geist Gottes muss uns durchforschen, ins Licht führen und verändern, wenn wir gut ausgebildete Botschafter der Versöhnung werden wollen. Versöhnung ist anspruchsvoll und setzt ein bewusstes Leben voraus. Wir brauchen den Geist Gottes, der uns immer wieder in die Wahrheit über uns selber führt und uns offenbart, wo noch Anklage, Bitterkeit und Unversöhnlichkeit in unserem Leben herrschen. Weil wir auf dem Weg der Heiligung sind und noch nicht am Ziel, müssen wir diese Versöhnung jeden Tag einüben.

Das geteilte Leben, die nahen Beziehungen untereinander, geben jedem Gelegenheit genug, mehr und mehr in die Versöhnung hineinzuwachsen: in die Versöhnung mit meinem Bruder, mit mir selber, mit meinem Platz und meiner Situation. Mit wachsender Versöhnung verschwindet jede Anklage gegen Gott, meinen Bruder und mich selbst immer mehr aus meinem Leben. Das Reich Gottes wächst in mir.

Im gemeinsamen Leben, an meinen Beziehungen zu meinen Geschwistern wird für mich ein Stück fassbar, sichtbar, wo ich stehe in meiner Beziehung zu Gott und mir selber. In den Beziehungen untereinander wird Jesu Erlösung in meinem Leben Fleisch. Sie wird greifbar.

Gemeinsames Leben kann nur entstehen und bestehen bleiben, wenn jeder Beteiligte täglich seine Beziehungen bereinigt, in der Wahrheit und in der Vergebung lebt. Im gemeinsamen Leben kann keiner lange unentdeckt in der Unversöhnlichkeit verharren. So fördert das gemeinsame Leben das Wachstum des Reiches Gottes in uns. Das Wesen Jesu muss mehr und mehr in uns sichtbar werden, sonst würden wir einander nicht aushalten. Unsere Beziehungen untereinander sind ein Spiegel des Reiches Gottes. Darum arbeiten wir an unseren Beziehungen, am eigenen Leben. Darum ist Seelsorge so wichtig. Darum ist uns biblische Lehre so wichtig. Es geht nicht darum, eine Elite unter den Christen oder eine besondere Spiritualität zu kreieren. Wir wollen das normale Wort Gottes umsetzen in unseren Leben. Das kostet viel, weil es bei uns selber anfängt; denn im Reich Gottes kann man nicht unabhängig von sich selber eine Arbeit erledigen. Was immer man tut, "mit Worten oder mit Werken, das tut als dem Herrn und nicht den Menschen". Es gibt keine Funktionäre im Reich Gottes, weil es Gott in allem darum geht, dass er in uns erkannt und durch unser Sein, durch unser Wesen in dieser Welt bezeugt wird.


top ˆ
Jesu Vermächtnis: ein neues Gebot...


Jesus führte uns durch seinen Opfertod dahin, wo wir das eine Gebot, das die Erfüllung des Gesetze und der Propheten, aller seiner Pläne bedeutet, wieder leben können. Durch die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott befähigte er uns neu zu dem, wozu wir geschaffen wurden; zur Liebe: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Vernunft. Das ist das grösste und erste Gebot. Das zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mt.22,37-39). "Das zweite ist ihm gleich": Aus der Liebe zu Gott wird immer die Liebe, die Zuwendung zum Bruder resultieren. Je heiler meine Beziehung zu mir selber ist, desto freier bin ich, auf meinen Nächsten zuzugehen. Johannes bekräftigt das in seinem ersten Brief: "Und wir haben dieses Gebot von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben" (1.Joh. 4,21). Liebe wird sichtbar in der Art und Weise, wie ich zu meinem Bruder stehe, wie ich mich ihm zuwende, mich auf ihn be-ziehe. Es ist prinzipiell unmöglich, eine lebendige, reiche Gottesbeziehung zu haben, die in der Beziehung zu sich selber und seinen Nächsten nicht sichtbar wird.

Leben teilen, gemeinsames Leben ist nicht ein christliches Extra für besonders Berufene oder Begabte, sondern das Erkennungszeichen eines Jüngers Jesu schlechthin. Jesus sagt in seinem Vermächtnis: "Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet; wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt" (Joh. 13,34-35). Weder an unserem makellosen Lebenswandel noch an übernatürlichen Manifestationen werden wir als Jünger Jesu erkannt, sondern an der Art und Weise, wie wir zueinander stehen. In unseren Beziehungen wird das Reich Gottes sichtbar, erlebbar, fassbar. Das Ziel gemeinsamen Lebens muss immer sein, Jesus in dieser Welt bekannt und zum Thema zu machen.

Sobald wir uns zu solchen Beziehungen im Licht entscheiden, sei dies in unserer Familie, im Hauskreis, am Arbeitsplatz, werden wir unweigerlich mit der Wahrheit über uns selber und über unsere Geschwister konfrontiert. Die Enge, die Unzuverlässigkeit, der Egoismus, die Pedanterie, Selbstbezogenheit und Oberflächlichkeit - alles, was im Leben meines Bruders noch der Heiligung bedarf, wird mir auf den Leib rücken (wohlverstanden: meinem Bruder wird es gleich ergehen, wenn er sich mit mir ganz einlässt!). Sein Leben wird für mich erst dann zu einer spürbaren Last, wenn ich mich mit ihm und allem, was zu ihm gehört, einlasse; wenn ich ihm nicht mehr aus dem Weg gehe, sondern mich für sein Leben engagiere, sein Leben ein Teil meines Lebens wird; wenn ich aus Liebe zu Gott und meinem Bruder zu seinem "Hüter" werde und mich nicht wie Kain abwende und sage: "Es soll doch jeder für sich selber schauen!" Paulus kannte die Kosten der Bruderliebe, der Beziehung zueinander, sehr genau; darum sagte er: "Einer trage des anderen Last und erfülle so das Gesetz Christi" (Gal. 6,2). Das Gesetz Christi ist zusammengefasst im Doppelgebot der Liebe (Mt.22,37-39), und wenn wir es erfüllen wollen, dann werden wir die Last des Bruders zu tragen haben. Aber es geht hier nicht nur um die Last des anderen. Ich muss auch meine Last tragen lassen, mich meinem Bruder ohne Distanz und Filter ganz zumuten, mich ihm nicht entziehen. Auch ich werde im Licht Jesu offenbar für meinen Bruder, sofern ich mich darauf einlasse. Gemeinsam leben bringt mit sich, dass ich mich jeden Tag neu dafür entscheiden muss, nicht auf Distanz und Reserve zu gehen, meinem Gott und meinem Bruder nichts vorzuenthalten, damit in mir und durch mich Reich Gottes gebaut und bezeugt wird.


top ˆ
In dieser Welt - aber nicht von dieser Welt


Die Motivation zur Gemeinschaft in der Welt und im Reich Gottes sind grundsätzlich verschieden. In der Welt entstehen immer Zweckgemeinschaften: Menschen mit gemeinsamen Interessen finden sich und profitieren voneinander, bis wechselnde Interessen sie wieder scheiden. Sympathie oder irgendeine Form von Leistungsausweis wie Begabung, Wissen, Schönheit oder Macht spielen eine grosse Rolle. Jeder sucht sich seine Beziehungen nach den Kriterien der Nützlichkeit aus: Ich brauche den anderen, um zu Leben zu kommen.

Die christliche Gemeinschaft, das Reich Gottes, ist wie eine Familie, in die man hineingeboren wird und in der man sich die Geschwister nicht auslesen kann. Das einzige, was uns als Jünger Jesu verbindet, ist die Zugehörigkeit zu dieser Familie, und die Legitimation der Zugehörigkeit ist nicht irgendeine erbrachte Leistung. Begabungen, Interessen und Berufsausbildung sind sekundär. Wir kommen nicht zusammen, um voneinander Leben zu erhalten, sondern um miteinander und aneinander Jesus zu erfahren, der Leben gibt.

Zweckgemeinschaften können sich jederzeit auflösen; aus einer Familie kann man nicht einfach aussteigen, so unangenehm das zuweilen sein mag. Diese Familienbeziehungen werden in Ewigkeit bleiben.

Die Motivation, dem anderen zu begegnen, ist nicht das, was er darstellt, sondern Jesus in ihm, der mir begegnet. Weil Jesus allein mein Leben, meinen Wert und meine Persönlichkeit bestätigt, brauche ich den anderen nicht einzubinden in meine Bedürfnisse und kann ihn freigeben.

So wird Reich Gottes fassbar, wenn Menschen einander aus Liebe zu Jesus (und nicht aus gegenseitiger Sympathie) tragen und sich auch dann nicht distanzieren, wenn Schwäche sichtbar wird.


top ˆ
Den Bruder achten und zurechtbringen


In einer Gemeinschaft, die sich am Wort Jesu orientiert, braucht keiner um seinen Platz, seine Rechte, sein Leben und seinen Wert zu kämpfen. Sich einander unterordnen bedeutet, vom eigenen Sich-zur-Geltung-Bringen abzusehen und sich auf den Bruder auszurichten. Im geteilten, gemeinsamen Leben kann ich dieses Wegsehen von mir selber täglich einüben. Im alltäglichen Leben kann ich einüben, mich von ganzem Herzen über alles zu freuen, was Gott in meinen Bruder gelegt und in ihm entwickelt hat. Ich lerne, mit Freude von meinem Bruder zu lernen, ohne in meinen Gedanken aufzurechnen, in welchen Gebieten ich ihm voraus bin. So ehre und achte ich Jesus im Bruder. Deswegen brauche ich nicht blind für seine Schwäche oder Sünde zu sein.

Das gemeinsame Leben steht und fällt mit der Gewissheit, dass Jesus in unserer Mitte und im Leben des anderen wohnt. Es ermöglicht das Heranwachsen einer Grundachtung meinen Geschwistern gegenüber, unabhängig davon, woher der andere kommt oder was er kann. Ich achte und liebe ihn um Jesu willen, Jesus in ihm. Wenn ich meinem Bruder keine Achtung entgegenbringen kann, verachte ich Jesus. Im Reich Gottes ist es nicht möglich, mit Jesus in guter Beziehung zu stehen und den Bruder gering zu schätzen (vgl. Joh.-Brief). Wenn ich mich innerlich von meinem Bruder absetze und distanziere, wird Jesus immer auf seiner Seite sein. Mein Umgang mit meinem Brüder reflektiert meine wahre Haltung meinem Herrn gegenüber. Diese wird im geteilten Leben mehr als irgendwo anders sichtbar. Oft denken wir vom andern, "der ist nun aber übertrieben, oder zu einseitig, völlig uninteressant, zu hochgestochen, zu unreif" und vieles mehr. Wir verlieren Jesus im anderen aus den Augen. Gott muss uns auf die Wahrhaftigkeit unserer Beziehungen hinweisen, weil wir als gefallene Menschen jeden Wirklichkeitsbezug zu uns und unserem Nächsten verloren haben. Gott will, dass wir einander Respekt entgegenbringen, ganz gleich, ob der andere ein Leiter oder ein Neuling ist. Jesus lebt in ihm. Keiner von uns ist um seiner selbst willen liebenswert. Das Liebenswerte in uns ist immer Jesus, der in uns lebt.

"Bringt zurecht die Geschwister, die fehlen, aber im Geist der Sanftmut, der Achtung und des Respektes."

In der Beziehung zueinander sollen wir die Sünde aufdecken und ablehnen und uns nicht scheuen, sie anzusprechen, aber mit Achtung, ohne den anderen blosszustellen. Ich habe kein Recht, ihm deswegen Ablehnung entgegenzubringen. Der Bruder soll in der Zurechtweisung meine ungebrochene Liebe und Zuneigung zu ihm erfahren. Wir müssen unterscheiden zwischen der Sünde und dem Sünder. Jeder muss sich bewusst sein, dass er selber zu jeder Sünde fähig ist, die andere begangen haben. Dieses Bewusstsein wird mich barmherzig halten.

Nur aus einer versöhnten, heilen Beziehung zu Gott heraus wird es möglich, den anderen, den Bruder um seinetwillen zu suchen, ohne den Hintergedanken, ihn irgendwie für sich nutzbar zu machen.


top ˆ
Gemeinsames Leben schafft Lebensraum


"Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Wie das köstliche Öl auf dem Haupte, das niederfliesst auf den Bart, den Bart Aarons, niederfliesst auf den Saum seiner Gewänder! Wie Hermontau, der herabfällt auf die Berge Zions! Denn dahin hat der Herr den Segen entboten, Leben bis in Ewigkeit" (Ps 133). Gott schaut mit Wohlgefallen auf seine Kinder, die in gegenseitiger Zuwendung, miteinander versöhnt (einträchtig) ihr Leben teilen. Dahin sendet er Segen, Leben von unvergänglicher Qualität. Ist es nicht das, was wir uns eigentlich wünschen und mit aller unserer Einfallskraft irgendwie zu erheischen versuchen?! "Beieinander wohnen" muss nicht unbedingt im selben Haus, nicht einmal im selben Dorf sein. Dies drückt vielmehr die Qualität und Tiefe der Beziehung aus: Diese Menschen sind einander ganz vertraut, gehen beieinander ein und aus. Das Leben des einen betrifft den anderen ganz; es kann ihm nicht mehr gleichgültig sein. Das Wohlergehen meines Bruders, seine Beziehung zu Gott, sein alltägliches Leben, seine Wege betreffen mich und führen mich zum Mitdenken, Mitbeten, Mittragen und Handeln. Auf dieses Teilen des Lebens, Anteilnehmen und Anteilgeben wird Gott mit seinem Wohlgefallen, seinem Segen reagieren. Er selber wird Leben und Lebensraum für alle Beteiligten schaffen.

Lebensraum entsteht einmal durch die Erfahrung der Zuwendung und Liebe der Brüder. Das Erleben, dass Menschen sich ganz zu mir stellen, mich suchen, mich annehmen, schafft Geborgenheit. Gottes Liebe wird durch meinen Bruder handfest erfahrbar, und Vertrauen wächst zu Gott und den Geschwistern. Das entspannt und befreit den Einzelnen, sodass er die verbissenen Kämpfe um sein eigenes Leben, um Anerkennung und Bestätigung ablegen und die Angst, zu kurz zu kommen, aufgeben kann. Wie der Psalmist wird er erleben: "Ich rief zu Jahwe in meiner Bedrängnis; er hat mich erhört und mir Raum geschaffen" (Ps.118,5). Lebensraum, Weite und Herzenshorizont wird dadurch entstehen, dass ich am Bruder erfahre, wie ich von Gott ganz angenommen bin, geliebt, geschätzt, erkannt. Natürlich kann Gott uns darüber auch ganz direkt Offenbarung in unser Herz geben. Dennoch will er, dass seine Liebe Fleisch wird: für mich im Bruder, durch mich für den Bruder.

Lebensraum entsteht auch dadurch, dass ich mich dem Bruder ganz zumuten kann, mit allem, was in mir ist, im Vertrauen, dass seine Liebe zu mir bleiben wird, auch wenn er Schuld, Fehler und Schwäche an mir entdecken wird. Um uns in diesem Mass einander anzuvertrauen, brauchen wir einen klaren Rahmen der Verbindlichkeit, die wir mit anderen eingehen. Abmachungen wie Schweigepflicht, die Entschlossenheit, immer wieder neu aufeinander zuzugehen und voreinander in Wahrheit und Offenheit zu leben, müssen ausgesprochen, einander zugesprochen sein. Nur in einem Haus, dessen Fenster und Türen dichthalten, kann auch Wärme entstehen... Auch dann noch braucht es Mut und Entschlossenheit, andere Menschen hinter die ganz privaten Kulissen des alltäglichen Lebens blicken zu lassen, eben in diesem Licht zu leben, von dem in 1. Joh 1,7 die Rede ist. Jeder versucht sich zu drücken, zu tarnen oder von sich abzulenken - die Versteckspiele sind einfallsreich; denn von Natur aus sind wir Menschen zu feige, wirklich zu dem zu stehen, was in uns ist und abläuft, aus Angst vor Ablehnung. Wenn ich mich jedoch entschieden habe, mein Leben zu teilen, so wird mein Leben für eine definierte Gruppe von Geschwistern ein Stück Öffentlichkeit. Im Rahmen des verbindlichen, gemeinsamen Lebens dürfen jedoch meine Unsicherheit, Ängste und Schwächen ans Licht treten, weil ich im Bruder die bedingungslose Jesusliebe erfahren habe, die sich auch dann nicht von mir distanziert. Blösse kann sichtbar werden, ohne dass dies Erniedrigung oder Distanzierung zur Folge hat, weil sie von meinen Geschwistern zugedeckt wird. Meine Würde bleibt.


top ˆ
Wer sein Leben verliert, wird es finden...


Diese Entscheidung zum verbindlichen Leben, zum Leben teilen, ist gleichzeitig eine Verzichtserklärung auf einen gewissen Privatraum und Individualismus, die eigentlich der Illusion dienen, sich dadurch selber Lebensraum zu schaffen. Für jeden Menschen-Typ wird dieser Verzicht etwas kosten, weil es keine geborenen "Gemeinschafts-Typen" gibt. Jeder Mensch ist ein geborener Individualist, egal aus welchen Gründen. Natürlicherweise versucht jeder Mensch sich selber Lebensraum zu schaffen, je nach Möglichkeit und persönlichen Idealen durch materielle Güter, durch viel Zeit, die ihm allein zur Verfügung steht, durch geleistete Güter wie Bildung, Wissen und Karriere, durch christliche Aktivitäten, durch Hobbies, durch einen besonderen Dienst oder durch Beziehungen, die man sein eigen nennt. Doch alles, was Besitz ist, gehört zu dieser Welt, und wir werden es eines Tages zurücklassen müssen. Besitz kann einem von einem Tag auf den anderen genommen werden. Besitz gehört nicht zum ewigen Leben, von dem Psalm 133 spricht. Leben in Ewigkeit ist kein Besitz, sondern die Erfahrung der Zuwendung Gottes durch meinen Bruder, die mein Herz verändert und mich in das Vertrauen und die Gewissheit hineinführt, dass Gott für mich ist. Selbst wenn der Bruder nicht mehr da ist, werde ich auf dem Fundament dieser Erfahrung versöhnt im Leben stehen können.

Ziel des gemeinsamen Lebens, der gelebten Bruderliebe ist immer, Jesus zu offenbaren und Gott zur alleinigen Quelle meines Lebens zu machen. Leben teilen, verbindliche Gemeinschaft wird den Einzelnen in eine immer tiefer werdende Beziehung zu Gott hineinführen und nicht in eine Abhängigkeit von Menschen, wie manche einwenden; denn im gemeinsamen Leben wird die Unzulänglichkeit meines Bruders und mir selber je länger je mehr offenbar. Umso mehr wird jeder auf die Gnade Gottes angewiesen sein, den anderen trotz seiner "unverbesserlichen Fehler" anzunehmen.

Die Echtheit jeder christlichen Gemeinschaft zeigt sich darin, inwiefern ihre Mitglieder in eine mündige, eigenständige und tiefe Beziehung zu Gott Vater hineinfinden, aus dieser Beziehung leben und Jesus in diese Welt hinein bezeugen können.


top ˆ
Gemeinsames Leben befähigt, setzt frei zum Dienst


Die Erfahrung der Versöhnung mit Gott, mit mir selber und mit meinem Nächsten, das Heilwerden von Beziehungen und das Entstehen des inneren Lebensraumes sind ein Werk des Heiligen Geistes. Auch wenn wir dies alles in der Beziehung zu unseren Geschwistern erfahren, uns in ihnen die Liebe Gottes zu uns begegnet, so ist es doch der Heilige Geist selber, der diese Versöhnung und Weite in uns schafft.

Das Ziel des Heiligen Geistes ist es immer, Reich Gottes zu bauen, zu verbreiten. Indem er das zunächst in meinem eigenen Herzen tut, macht er mich für den Dienst bereit. Gemeinsames Leben ist kein Ziel an und für sich und erschöpft sich nicht im persönlichen Heilwerden. Wie wir zur gegenseitigen Liebe berufen worden sind, so sind wir auch dazu berufen, das Verlorene zu suchen und zu retten. Die Welt soll an uns Jesus erkennen.

Befähigung zu jeder Art Dienst geschieht in hohem Mass, wenn die eigene Wertfrage geklärt ist. In der vertrauensvollen, verbindlichen Beziehung zu meinen Geschwistern werde ich eines Tages mit meinem Herzen verstanden haben, dass mein Wert allein in der Liebe Gottes zu mir begründet ist. Nichts von alledem, was ich mir angeeignet habe, keiner meiner Privatreichtümer, weder meine Begabung noch das, was andere über mich denken oder sagen, macht mich aus. Gott Vater ist der einzige, der das Recht hat, mir meine Identität zuzusprechen.

Das Leben im Licht hat mich gelehrt, mich frei zu bewegen, ohne Angst. Wenn ich vor den Geschwistern offenbar geworden bin, habe ich nichts mehr zu verlieren. So habe ich den Weg frei zur Beziehung und Freundschaft zu allen möglichen Menschen, über meine eigenen Lebenserfahrungen und persönlichen Sympathien hinaus.


top ˆ
Kraftvolles Zeugnis


Durch das verbindliche Teilen meines Lebens werde ich Gott Vater immer besser kennenlernen und näher an sein Herz geführt werden. An seinem Herzen werde ich nicht nur Sicherheit für mein Leben erfahren, sondern von ihm auch seine Sicht für Mitmenschen erfahren, die mir zwar fremd, Gott aber vertraut und nahe sind. Nur die Nähe zum Vaterherz wird mich für Menschen nahbar machen und den Wunsch in mir wachsen lassen, jenen, die verloren sind, die in Einsamkeit, Kälte und Gefangenschaft des Todes leben, die Frohe Botschaft zu bringen, dass Gott sie liebt. Dafür muss man nicht in einem vollzeitlichen Dienst als Missionar oder Pfarrer stehen. In jedem Berufszweig, in jedem Büro, auf jeder Baustelle, in jedem Geschäft und Quartier wohnen viele in Finsternis, Einsamkeit und in der Angst vor dem Tod. Jede alltägliche Arbeit kann zum Anlass werden, Menschen die Frohe Botschaft zu bringen.

Was mich fähig macht, Menschen Jesus zu bezeugen, ist nicht in erster Linie theologisches Wissen, sondern meine Herzensbeziehung zum Vater und die Erfahrung, dass er mir mit Jesus alles geschenkt hat.

Wenn wir dem Feind Gottes begegnen, wird er nicht danach fragen, wie redegewandt oder kühn ich bin. Er wird zuerst seinen Finger auf mein eigenes Leben legen und mit Recht fragen: "Wie sieht deine Beziehung zu deinem Gott, zu dir und zu deinen Geschwistern aus!? Hast Du überhaupt eine Alternative zu mir zu bieten?!" Findet er Anklage, Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit und Unversöhnlichkeit in meinem Leben, so kann er mich ohne weiteres zurückdrängen. Er braucht mich nicht ernst zu nehmen.

Der Teufel fürchtet Menschen, die in der Vergebung leben, weil er sie nicht ins Misstrauen, in Bitterkeit und Hass hineinziehen kann. Vergebungsbereite Menschen verbreiten für den Teufel einen Geruch des Todes. An der Art und Weise, wie wir mit unseren Geschwistern umgehen, erkennt er, wessen Geistes Kinder wir sind, in wessen Namen wir auftreten. Dieser Name allein gibt uns Schutz und Autorität, damit wir uns im Reich der Finsternis bewegen können.

"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt." (Joh. 13,34).

© 2008 created by 2sic with 2flex