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Ein Licht für die Völker

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Marcel Rebiai, Februar 2001

Warum wurde Israel erwählt?   
Gott wirbt um die Völker
Gottes Gegenwart ist die Voraussetzung für Leben
Leben in der Finsternis
Zurück ins verheissene Land
Gottes Volk
Israel: Ort der Gottesoffenbarung
Israel ist Zeuge


Warum wurde Israel erwählt?

Worin liegt das Geheimnisvolle, das Spezielle, das sich von allem Gewohnten und Vernünftigen unterscheidende Merkmal, das das jüdische Volk und seine Geschichte prägt und es für alle Menschen unausweichlich sichtbar, anstössig und faszinierend macht? Kein Volk hat durch seine Geschichte, durch sein blosses Dasein über Jahrtausende hinweg die Gemüter der Völker so anhaltend und intensiv bewegt wie das jüdische Volk.

Wenn wir uns fragen, woran das liegen mag, wollen wir zuerst einmal festhalten, dass die Juden als Volk, als Rasse, als Menschen genauso gut und genauso schlecht sind wie alle anderen Völker, Rassen, Menschen. Der Prophet Jeremia sagt dazu: "Arglistig, mehr als alles, ist das Menschenherz. Es ist voll Unheil." (Jer. 17,9) Und Paulus zitiert: "Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen. Da ist kein Verständiger, keiner, der nach Gott fragt. Alle sind abgewichen, allzumal verdorben; keiner ist, der Gutes täte, auch nicht einer!" (Röm. 3,10-12) Das gilt für alle Menschen schlechthin, für den Juden wie für den Nichtjuden. In der Beschaffenheit und Qualität besteht kein Unterschied. Worin liegt also die Heraushebung dieses Volkes, die ausdrückliche Verbundenheit Gottes mit Israels Geschichte, welche bei den Menschen immer wieder zwei gegensätzliche Reaktionen hervorruft: entweder Sympathie, Liebe, Achtung, ja Vergötterung dieses Volkes; oder aber Hass, Verachtung, Verfolgung und Zerstörung?

 

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Gott wirbt um die Völker


Das Geheimnis liegt in der Beziehung, die der Schöpfer des Himmels und der Erde zu Israel hat. Er hat sich als Gott Israels geoffenbart. Die Geschichte Israels, des jüdischen Volkes, ist eine Geschichte des Ringens, Leidens, Hoffens, ja Werbens Gottes um die Völker der Erde. An und durch Israel wirbt Gott um die Umkehr aller Völker zu ihm, um ihre Errettung. Schon die Berufung Abrahams hatte diese klare Ausrichtung: "Ich will dich zu einem grossen Volke machen. Ich will dich segnen und deinen Namen gross machen, und du sollst ein Segen sein. Ich werde segnen, die dich segnen, und die dich verwünschen, werde ich verfluchen. Durch dich sollen gesegnet sein alle Geschlechter der Erde." (1.Mose 12,2-3) Diese Verheissung würde im fleischgewordenen Messias Jesus endgültig zur Erfüllung kommen, und durch das Volk seiner Brüder soll der Segen, die Zuwendung Gottes zu den Völkern fliessen: "Durch dich sollen gesegnet werden..." Gottes Ziel ist es, sowohl sein Volk als auch alle anderen Völker endgültig vom Tod zu befreien, ihnen auf dem Berg Zion das volle Leben zu geben und alle Völker in das ewige Fest, die ewige Freude hineinzunehmen: "Der Herr der Heerscharen wird allen Völkern ein fettes Mahl bereiten auf diesem Berg (...). Auf diesem Berg nimmt er die Hülle weg, die auf allen Völkern liegt, und die Decke, die auf allen Heiden ausgebreitet ist. Er vernichtet den Tod auf immer, und der Herr Jahwe wischt ab die Tränen von jedem Angesicht und nimmt seines Volkes Schmach hinweg von der ganzen Welt." (Jes. 25,6-8)

Mit dem Berg Zion ist nicht nur der Berg Zion in Jerusalem oder die Stadt Jerusalem als ganze gemeint. 'Berg Zion' umschreibt die intime Beziehungsrealität, die Gott zu seinem Volk hat – eine Beziehung, die eines Tages das Herz seines Volkes und mit ihm und durch es das Herz aller Völker erlösen, heilen und verändern und alle Menschen, die sich unter die Herrschaft des Messias Jesus stellen, zu Bürgern seines Reiches, ja zu Mitgliedern seiner Familie machen wird.


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Gottes Gegenwart ist die Voraussetzung für Leben


Um das Warum der Erwählung des Volkes Israel zu verstehen, müssen wir zu den Anfängen der Geschichte Gottes mit der Schöpfung, speziell mit dem Menschen, zurückgehen. "Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war wüst und leer. Finsternis lag über dem Abgrund (...)." (1.Mose 1,1-2) Die Erde war wüst, leer, finster, ohne Leben und ohne Möglichkeit zum Leben. "Da sprach Gott: 'Es werde Licht!' Und es ward Licht." (1,3) Hier ging es nicht um die Erschaffung von Sonne und Mond. Davon wird erst später berichtet. Das Licht, von dem hier die Rede ist, meint die Gegenwart, das Wesen und die Wirklichkeit Gottes, die Voraussetzung ist für jede Form von Leben und Wachstum, erst recht für Beziehung und Gemeinschaft. Darum sagt später jener, der der Inbegriff der Wirklichkeit und Gegenwart Gottes ist, Jesus, der Messias: "Ich bin das Licht der Welt." Bezüglich der Beziehung und der Gemeinschaft der Menschen untereinander stellt Johannes fest: "Wenn wir aber im Lichte wandeln, wie er selber im Lichte ist, dann haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde." (1.Joh. 1,7) Im Lichte wandeln heisst nichts anderes, als bewusst in der Gegenwart Gottes zu leben.

In diese Offenbarung seiner Gegenwart hinein hat Gott den Menschen geschaffen, um mit ihm Gemeinschaft zu haben. Gott hat dem Menschen die Schöpfung anvertraut, damit sie dieser in die Fülle der Lebens hineinführe. In der Gegenwart des Menschen, der in und aus der Gegenwart Gottes lebt, sollte sich die Schöpfung zur vollen Blüte und Fruchtbarkeit entfalten.


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Leben in der Finsternis


Statt dessen ereignete sich durch den Menschen die immense, unverständliche und todbringende Tragik: Der Beziehungsbruch seitens des Menschen als Folge von Ungehorsam und Auflehnung liess ihn aus der Gegenwart Gottes und damit aus der Gemeinschaft mit Gott herausfallen. Wo der Mensch aber keine Gemeinschaft mit Gott hat, kann er auch keine auferbauende und lebensschaffende Gemeinschaft mit seinem Nächsten haben. Herausgefallen aus dem Licht Gottes befand sich der Mensch wieder im Dunkeln, in einer Welt, die öde, wüst und leer ist. "Finsternis bedeckt die Erde und Dunkelheit die Völker." (Jes. 60,2) Das wurde erneut die Wirklichkeit der Erde und ihrer Bewohner. Paulus spricht noch deutlicher: "Ihr unverständiges Herz wurde verfinstert." (Röm. 1,21) In dieser Finsternis, das heisst, 'nicht mehr in der Gegenwart Gottes lebend', erstirbt alles Leben. Das sagte Gott auch voraus, nicht als Drohung und Strafe, einfach als Konsequenz: "Denn am Tage, da du davon issest, musst du sicher sterben." (1.Mose 2,17)

Als erstes erkannten die Menschen, dass sie nackt waren. Nacktheit, Angst und Ausgeliefertsein sind Realitäten, die das Leben vernichten. Es ist die Herrschaft des Todes. Wenn die Bibel von Nacktheit und Scham spricht, dann meint sie nicht nur die körperliche Nacktheit, sondern in erster Linie die innere Blösse. Der Mensch schämt sich über den Verlust seiner Würde, seines Selbstwertes als Mensch, der ihm nur in der Beziehung und in der Gemeinschaft mit dem Schöpfer und König des Universums gegeben ist. Daher ist das Bewusstsein, Empfinden und Verhalten aller Menschen und Völker auf Erden geprägt vom Mangel an Wert, von der Minderwertigkeit. Nacktheit ist schlicht Identitätsverlust, das NichtmehrWissen von Woher, Warum und Wohin meines Seins und Wesens. Wenn ich nicht mehr weiss, wer mein Schöpfer ist, weiss ich auch nicht mehr, wer ich bin. Das verunmöglicht mir jede echte Beziehung zu mir selber.

Nebst Minderwertigkeit und Identitätsverlust ist Angst die Realität der Finsternis. Angst heisst, nicht mehr wissen, wer Gott ist, wie Gott ist und wie er zu mir ist. Wer Gott nicht kennt und keinen Zugang zu ihm hat, ist den Mächten und Lebensumständen schutzlos ausgeliefert: "Finsternis bedeckt die Erde und Dunkelheit die Völker" Die Menschen wissen nicht mehr, wer Gott ist. Sie sind dem Tode preisgegeben, weil sie unter der Herrschaft der Finsternis leben. Ausser Tod, Kälte und Finsternis gibt es keine Alternative zur Beziehung und Gemeinschaft mit Gott, zum Gehorsam ihm gegenüber.


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Zurück ins verheissene Land


Gott hat jedoch seine Schöpfung nicht aufgegeben, weil er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, die Liebe in Person ist: "Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe." (Joh. 3,16) "Ich habe kein Wohlgefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, dass der Gottlose von seinem Weg abgehe und lebe. Bekehret euch, bekehret euch von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr denn sterben, Haus Israel?" (Hesekiel 33,11) Gott hat kein Gefallen am Tod des Gottlosen, am Menschen der von der Finsternis beherrscht wird.

In dieser Finsternis suchte Gott nach einem Menschen, der bereit war, Gott Raum zu geben, um sich zu offenbaren, sich seiner Schöpfung erneut zuzuwenden und sich den Völkern wieder bekannt zu machen. Was Abraham als diesen Menschen nach dem Herzen Gottes qualifizierte, war sein unbedingter Wille zur Gemeinschaft und zum Gehorsam Gott gegenüber, wie dies uns in der Darbringung Isaaks eindrücklich vor Augen geführt wird. Abraham, der noch kein Jude war, sondern nach seinem Zeugnis ein Aramäer, wurde unter der Führung Gottes zu einem Hebräer: einer, der hinübergeht. Abraham ging von der Herrschaft der Finsternis hinüber in das Land der Verheissung, unter die Herrschaft Gottes. Abraham und seine Nachkommen in der Linie Jakobs wurden zu Segensträgern, zum Kanal der Zuwendung Gottes zu den Völkern: "In dir sollen gesegnet werden alle Völker." Sie wurden zum Ort der Offenbarung von Gottes Gegenwart, seiner Wirklichkeit, seines Wesens. Gott hat sich entschieden, wie er es Abraham versprochen hat, sich durch sein Handeln an Abraham und an seinen Nachkommen den Völkern als der lebendige, heilige, wahrhaftige, gerechte, aber auch liebende und gnädige Gott zu zeigen. Durch Israel ruft Gott den Völkern zu: "Sind eure Sünden auch wie Scharlach, sie sollen weiss werden wie Schnee." (Jes.1,18)


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Gottes Volk


Wie schon gesagt, ist das Volk Israel moralisch und ethisch nicht besser als irgend ein anderes Volk. Einzig das Handeln Gottes an Israel, die Gegenwart des heiligen Gottes in Israel, hat dieses Volk zu einem heiligen Volk gemacht, zu einem von allen anderen unter der Herrschaft der Finsternis lebenden Völkern abgesonderten Volk einem Volk, für alle sichtbar anders als alle anderen Völker, in seiner Geschichte, seinem Glauben einzigartig. Wir dürfen nicht vergessen: Die Völker rings um Israel waren von den Mächten der Finsternis und des Todes beherrscht. Diese Mächte verlangten Anbetung und Dienste, die sich in Menschenopfern, Zügellosigkeit und Perversion ausdrückten. Einzig die Beziehung Gottes zu Israel machte Israel anders als alle anderen Völker. Die Auserwählung Israels, die Heraushebung, Absonderung, die Heiligung Israels ist nicht eine Frage seines Verdienstes oder seines speziellen Charakters, wie immer wieder vermutet. Die Heraushebung Israels hat rein mit der Tatsache zu tun, dass sich der einzig lebendige und wahre Gott Israel offenbart und seinen Namen mit diesem Volk ein für allemal verbunden hat. Er wollte sich als Gott dieses Volkes seiner Schöpfung erneut bekannt machen.

Als Schöpfer will er an Israel seine Vaterschaft erweisen, damit die Völker dies sehen und Sehnsucht nach ihm bekommen. Israel ist der Ort der Offenbarung Gottes in dieser Welt. Die Völker sollen erleben und sehen: Es gibt keinen Gott so wie den Gott Israels, der liebt, hegt und pflegt, der sein Volk aus Not und Elend befreit, der es wie seinen Augapfel hütet, der es aber auch wie ein Vater erzieht, straft, zurechtbringt, der vergibt und wiederherstellt. Es gibt keinen Gott wie den Gott Israels, der um sein Volk ringt und für sein Volk einsteht, der Gedanken des Heils und des Friedens über seinem Volk hat. Israel soll dafür Zeuge stehen, dass es keinen anderen Gott gibt als den lebendigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.


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Israel: Ort der Gottesoffenbarung


Dieses Erkennen, dass der Gott Israels anders ist als alle anderen Götter, dringt im Laufe der Geschichte durch die Finsternis und leuchtet im Herzen einzelner Menschen und Völker auf. So erkannten die Hethiter an Abraham, dass er ein Fürst Gottes war und in einem speziellen Verhältnis zum lebendigen Gott stand. (1.Mose 23,6ff). In 1.Mose 26,27ff wird Isaak das Zeugnis ausgestellt, dass Gott offensichtlich mit ihm ist wie mit keinem anderen. In 2.Mose 18,11 bezeugt der Midianiter Jethro bewundernd und anbetend: "Es gibt keinen wie den Gott Israels", weil ihn das Handeln Gottes an Israel überwältigt. Später bezeugt die Prostituierte Rahab, die die Kundschafter aufgenommen hatte, dass niemand dem Gott Israels standzuhalten vermöge, weil er anders sei als alle anderen Götter (Jos. 2,11). Die Königin von Saba erkannte an Gottes Handeln an Israel sein Wesen: "Gepriesen sei der Gott Israels, denn er hat sein Volk lieb!" (1. Kön. 10,9)

Was für ein Zeugnis aus dem Munde von Menschen und Völkern, die ihren Göttern gegenüber nur in Furcht lebten! So gab sich Gott über die Jahrhunderte hinweg zu erkennen, beispielsweise auch dem Babylonier Nebukadnezar, als er vor Daniel bekennen muss: "Wahrhaftig, euer Gott ist wirklich der Gott der Götter." Das Zeugnis setzte sich fort: Gott hat durch sein Handeln an Israel begonnen, die Finsternis der Völker zu durchdringen.


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Israel ist Zeuge


Israel ist aber nicht nur der Ort der Offenbarung Gottes. Israel soll für diese Offenbarung auch Zeuge sein und Zeugnis ablegen: "Ihr seid meine Zeugen», spricht Jahwe, «und meine Knechte, die ich erkoren habe, damit man erkennt und mir glaubt und einsieht, dass ich es bin. Vor mir ward kein Gott gebildet, noch wird es nach mir einen geben." (Jes. 43,10-12) Dann wiederholt Gott diesen Auftrag in Jes. 44,8: "Ihr seid meine Zeugen. Gibt es ausser mir noch einen Gott? Von einem anderen Felsen weiss ich nichts." Nicht weil Israel stärker oder besser ist, sondern weil Gott bei ihm wohnt, werden die Völker zu ihm kommen und vor ihm niederfallen: "So spricht Jahwe: Die Bauern Ägyptens und die Kaufleute von Kusch und die Sabäer, die hochgewachsenen Männer, werden an dir vorüberziehen und dir gehören, sie werden dir folgen in Ketten, vor dir niederfallen und dich anflehen: 'Gott ist nur bei dir, und keiner ist sonst, kein anderer Gott. Fürwahr, bei dir ist Gott verborgen, der Gott Israels, der Retter.'" (Jes. 45,14-15)

Gott fordert Israel immer wieder auf, seine Offenbarung nicht für sich zu behalten, sondern sie hinauszutragen zu den Völkern. Eines Tages wird es sogar soweit kommen, dass zehn Männer aus den Völkern einen Judäer am Rockzipfel halten und ihn bitten werden: "Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist." (Sach. 8,23) Das Volk Israel ist der Ort der Gottesoffenbarung und hat den Auftrag von Gott, ihn unter den Völkern zu bezeugen.
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