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Das Buch Ruth

Der Auftrag der Gemeinde am jüdischen Volk

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Marcel Rebiai, Februar 2001

Das Buch Ruth kann in der heutigen Zeit viel zum Verständnis der Beziehung zwischen der Gemeinde und dem Volk Israel beitragen. Es ist ein Bild dafür, wie die Gemeinde dem Volk Israel helfen kann, zu seinem Gott zurück zu finden, und wie die Gläubigen aus den Nationen dadurch in eine tiefere Beziehung zum Messias hineinwachsen. Das Buch Ruth hilft uns auf eindrückliche Art und Weise, der Aufforderung Gottes "Tröstet, tröstet mein Volk" (Jesaia 40, 1) nachzukommen. 
 
Naomi: ein Bild für das jüdische Volk
Gottes Herrschaft verlassen
Zurück nach Bethlehem, zurück zum Ort des Erbes
Ruth: ein Bild für die Gemeinde
Rahab von Jericho
Seltene Eigenschaften
Ruth und der Erlöser
Noch näher zum Messias
Der Schlüssel zum Erbe


Die Gestalt der Naomi steht für das jüdische Volk und gleichzeitig für das Leben des Gläubigen überhaupt. Abraham wird als das Urbild des Glaubens und der Nachfolge, als Vater des jüdischen Volkes und als Vater aller Gläubigen betrachtet; auf gleiche Art begegnen uns in jeder biblischen Gestalt verschiedene schwerpunktmässige Ausprägungen.


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Naomi: ein Bild für das jüdische Volk


Naomi und ihre Familie stehen für die Dimension des jüdischen Volkes; gleichzeitig wird in ihrem Erleben aber auch unser eigenes Leben reflektiert.

Die Geschichte scheint im ersten Moment einfach: Zur Zeit der Richter lebt ein Mann namens Elimelech mit seiner Frau Naomi und seinen zwei Söhnen Machlon und Kilion in Bethlehem. Als eine Hungersnot über das Land Israel kommt, entscheidet er sich, Bethlehem zu verlassen und nach Moab auszuwandern, in die Fremde, um seiner Familie dort das Überleben zu sichern.

Der Name Elimelech bedeutet "mein Gott regiert", der Name seiner Frau Naomi bedeutet "die Liebliche". Elimelech ist also jemand, der unter der Herrschaft Gottes lebt, dem unter dieser Herrschaft Liebliches gegeben wird. Nicht zufällig lebt Elimelech in Bethlehem, dem "Haus des Brotes"; denn wo Gott regiert, ist der Ort, das Haus des Brotes, wo er sein Leben und seine Fürsorge verheisst.

Auch die Namen der Söhne sind bedeutungsvoll. Machlon bedeutet "Krankheit" oder "Schwachheit" und Kilion "Schwindsucht", "Zerstörung".

Elimelech, der unter der Herrschaft Gottes, im Haus des Brotes lebt, wird mit Krankheit und Hungersnot konfrontiert; damit bricht etwas in seine Existenz ein, was ihn und Naomi aus dem Haus des Brotes in die Fremde treibt. Dort verliert Naomi alles: Die Herrschaft Gottes hört auf, ihr Mann und ihre Söhne sterben, und sie steht ärmer da als vorher in Bethlehem; sie ist allein.

Hier können wir uns selber die Frage stellen: Wer ist unser Lebensspender? Woher erwarten wir Hilfe, wenn wir von Krankheit und Not heimgesucht werden und wenn uns unsere Gefühle weismachen wollen, dass es kein Brot mehr gibt, dass sich Gott nicht mehr um uns kümmert? Wir alle kennen solche Situationen, in denen wir uns fragen: Wo ist jetzt Gott?


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Gottes Herrschaft verlassen


Dass Naomi und Elimelech von Bethlehem wegziehen, ist ein Bild für die Geschichte des jüdischen Volkes. Israel war berufen, unter der Herrschaft Gottes zu leben, und war hineingeführt worden in das Haus des Brotes. Gott versprach dem jüdischen Volk (3. Mose und 5. Mose), dafür zu sorgen, dass ihm das Brot nie ausgehe und dass es von Krankheit und Fehlgeburt verschont würde, wenn es an ihm bliebe. In der Geschichte Israels wurzelten Krankheit, Misserfolg und Dürre immer darin, dass sich das Volk nicht wirklich der Herrschaft Gottes unterstellte. Wenn eine solche Not eintraf, liess sich das Volk hinaustreiben aus Gottes Herrschaft, hinaus aus dem Haus des Brotes – so wie Elimelech und Naomi Bethlehem verliessen. Weil Elimelech und Naomi nicht mehr an die Fürsorge des himmlischen Vaters glaubten, suchten sie das Leben in der Fremde, dort, wo Gott nicht herrschte. Nach dem Verständnis des Volkes Israel war Gottes Herrschaft in Moab nicht präsent, weil die Moabiter nicht Gottes Volk waren und ein anderer Gott über sie regierte. Auch wenn es Elimelech und Naomi nicht bewusst war, stellten sie sich damit unter die Autorität eines anderen Gottes und erwarteten von ihm Hilfe und Leben.

Der Wunsch Israels, wie alle anderen Völker zu sein, d.h. das eigene Erbe zu verlassen, um sich der Lebensquelle anderer Völker zu bedienen und sich damit unter die Herrschaft anderer Götter zu stellen, wird auch im Buch Samuel sichtbar: "So setze nun einen König über uns, wie es bei allen Nationen ist." (1. Samuel 8, 5) Dieser Wunsch hat Israel geprägt: Bis heute schöpft das jüdische Volk Leben und Orientierung aus allen möglichen Quellen, was immer verheerende Folgen hatte; am Ende steht es wie Naomi verbittert, arm und leer da und hat unendlich mehr verloren als gewonnen.

Das Verhalten Israels können wir auch auf unser eigenes Leben übertragen: Wie oft haben wir uns in unserem Leben unter die Herrschaft anderer Autoritäten und Mächte gestellt, um irgendwo irgendeine Form von Befriedigung und Leben zu gewinnen? Die Folgen sind klar: Wenn wir uns von Nöten und Schwierigkeiten dazu treiben lassen, uns aus Gottes Herrschaft und dem Vertrauen auf seine Fürsorge zu entfernen und anderswo Hilfe zu suchen, werden wir die Erfahrung machen, dass wir alles verlieren; denn in der Fremde, unter der Herrschaft eines anderen Gottes, gibt es nur Zerstörung und Tod.


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Zurück nach Bethlehem, zurück zum Ort des Erbes


Nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Söhne beschliesst Naomi, zurückzugehen nach Bethlehem, in das Haus ihrer Väter. Sie, die mit Hoffnung ausgezogen war, muss zurückkehren als absolute Versagerin, arm und bloss aber sie kehrt zurück. Das ist einerseits ein Wunder; andrerseits kann es nicht anders sein, weil Israel immer an den Ort seines Erbes zurückkehren muss; es ist die Berufung und das Schicksal des jüdischen Volkes, heimzukommen. Wo immer Israel auch endet, durch welche Gerichte es auch geht, es wird zum Ort des Erbes heimkehren müssen, nicht aus eigenem Willen, sondern weil es für das jüdische Volk keinen anderen Ort gibt und weil Gott dort auf sein Volk wartet.

Naomi kehrte zurück, aber ohne Hoffnung, dass sie in ihrer Heimat wieder zu Leben kommen würde. Alles, was sie erlebt hat, lastet sie Gott an: "Die Hand des Herrn hat sich gegen mich erhoben." (Kap. 1,13) Bei der Begrüssung in Bethlehem sagt sie: "Nennt mich nicht mehr Naomi, nennt mich Mara, denn Shaddai hat mich mit Bitternis erfüllt." (Kap. 1, 20)

Naomis Anklage zeugt von ihrer Bitterkeit. Ihre Haltung ist ein sehr eindrückliches Bild für die Haltung des jüdischen Volkes, dessen Fragen geprägt sind von tiefer Bitterkeit über den Verlust seines Landes, seines Besitzes, seiner Söhne und Töchter, seines Erbes: Wo war Gott im Holocaust? Wo war Gott in den Pogromen? Wo war Gott während Jahrhunderten, während Jahrtausenden? Diese Bitterkeit prägt das jüdische Volk mit einer grossen Erwartungslosigkeit Gott gegenüber. Selbst bei den Religiösen fehlt die Erwartung, dass Gott konkret in das Leben eingreift. Der Glaube reduziert sich auf äussere Formen und Riten und hat sich oft von einer persönlichen Beziehung zu Gott entfremdet.

Das wird zum Beispiel darin sichtbar, dass in der aktuellen schwierigen Lage kaum ein religiöser, geschweige denn ein politischer Führer aufsteht und das Volk aufruft, zu beten, sich an den Gott Israels zu wenden und von ihm Hilfe zu erwarten. Dass Gott in der heutigen Situation kein Thema ist, zeigt, dass das jüdische Volk, abgesehen von einer kleinen Minderheit, wie Naomi keine Erwartung mehr hat an Gott, sondern in einer tiefen Verbitterung lebt.


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Ruth: ein Bild für die Gemeinde


"Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott." (Ruth 1, 16)

Ruth, die Moabiterin und Schwiegertochter Naomis, kommt aus dem Heidentum und ist damit ein Bild für die Kirche, für die Gläubigen aus den Nationen. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie fähig ist, trotz Naomis Kampf und Not den Gott Israels zu erkennen. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie, um mit Jesu Worten zu reden, eine Frau der Wahrheit ist: "Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme." (Johannes 18,37) Warum jemand aus der Wahrheit ist, ist letztlich ein Geheimnis. Ruth entdeckt trotz Noemis Enttäuschung und Bitterkeit, dass deren Gott anders ist als Kamosch, ihr eigener Gott, anders als alle ihr bekannten Götter.


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Rahab von Jericho


Ruth erfährt dieselbe Offenbarung wie Rahab von Jericho, die auch unter der Herrschaft jener Götter lebte und zur Erkenntnis kam, dass der Gott Israels der lebendige, einzige Gott sein muss. Das brachte sie dazu, sich zu diesem Gott und seinem Volk zu stellen; sie war überzeugt, dass der Gott Israels siegen und mit seinem Bundesvolk zum Ziel kommen würde. Deshalb entschied sich Rahab, die Kundschafter zu verstecken und ihr Leben von ihnen abhängig zu machen.Sie wurde bei der Eroberung Jerichos durch die Israeliten dadurch gerettet, dass sie als Erkennungszeichen ein rotes Seil an ihr Fenster knüpfte. Die rote Farbe ist nicht zufällig gewählt; sie ist das Zeichen, dass es für Rahab nur einen Weg für ihre Errettung gab. Sie steht für Blut und Opfer, nämlich für das Blut, das Israel in Ägypten vor dem Tod der Erstgeburt bewahrt hat, und für das Blut Jesu, durch das alle Völker am Erbe und an der Verheissung Israels teilhaben können. Wie Ruth war Rahab, die Prostituierte, eine Frau der Wahrheit; sie hörte auf die Stimme Gottes und war gehorsam. Deshalb wurde sie zur Urahne Davids und gehört zu den direkten Vorfahren des Messias.

Auch Ruth wurde gerettet, weil sie Gott gehorsam war; aber durch ihr Leben wird noch mehr sichtbar: Indem sie Naomis toten Glauben zum Leben erweckte, wurde es dieser möglich, ihr Erbe zu entdecken. Bildlich gesprochen verhalf Ruth dem jüdischen Volk zum Zugang zu dessen eigenem Erbe und wurde zu einer Schlüsselfigur für das jüdische Volk.


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Seltene Eigenschaften


Ruth fällt durch besondere, seltene Eigenschaften auf. Bei der Treue gegenüber ihrer Schwiegermutter geht es um mehr als um ein gutes Herz und die Liebe zu Naomi. Ruth lässt sich ihre Treue alles kosten: ihr eigenes Erbe, ihr eigenes Volk und alles, was bisher ihr Leben ausgemacht hat. Dadurch nimmt sie vorweg, was der Prophet Jeremia sagt: "Herr, meine Stärke und meine Feste, meine Zuflucht in der Not! Zu dir werden die Heiden kommen von den Enden der Erde. Und sie werden sprechen: Lauter Lüge war das Erbe unserer Väter, nichtige Götzen, von denen keiner helfen kann." (Jer. 16,19 ff.)

Ruth erkennt, dass das Erbe ihrer Väter keine Substanz hat, weil darin jede persönliche Beziehung zum lebendigen Gott fehlt. Deshalb verlässt sie ihr Erbe und damit alles, was ihr bis dahin Schutz und Sicherheit gegeben hat, und wendet sich Gott und seinem Bundesvolk zu. Sie stösst als Fremde zu diesem Volk und kann nur auf Gottes Gnade bauen; denn ohne Ehemann, nur als Begleiterin ihrer Schwiegermutter hat sie keine Garantie, aufgenommen zu werden. Sie vertraut darauf, dass Naomis Gott auch ihr Gott ist und dass es diesem Gott möglich ist, ihr alles neu zu geben, was sie hinter sich gelassen hat.

Ruth ist nicht nur treu, sondern auch demütig und bescheiden. Um ihrer Schwiegermutter willen ist sie bereit, bei den Israeliten ihren Platz als Empfangende einzunehmen. Sie liest auf dem Feld Ähren zusammen wie eine Bettlerin, eine Witwe oder eine Waise. Ruth fordert keinerlei Rechte, stellt keine Ansprüche, heischt nicht nach Anerkennung, Wertschätzung und Dankbarkeit. Sie hört auf ihre Schwiegermutter, ordnet sich ihr unter und verzichtet darauf, ihre eigenen Ideen durchzusetzen. Es heisst von ihr, dass sie den ganzen Tag Ähren zusammenliest, bis die Sonne untergeht. Sie arbeitet mehr als die Knechte auf dem Feld und setzt so ihr ganzes Leben ein. Ihre Haltung ist ein Vorbild für alle Christen, die dem jüdischen Volk dienen wollen.


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Ruth und der Erlöser


Boas, der Besitzer des Feldes, ist ein Bild für den Messias. Die Knechte und das Volk haben sich nicht um Ruth gekümmert, aber der Besitzer interessiert sich für sie. Er sieht diese Frau auf dem Feld und erkundigt sich nach ihr. Er nimmt sie wahr, fragt nach ihr, gibt ihr zu essen und spricht ihr Schutz zu. Aufgrund dieser Begegnung und dieser Zuwendung geht Ruth am Abend reich beschenkt zurück.

Die Wirkung auf Naomi bleibt nicht aus. Sie sieht diesen Reichtum und dass Ruth eine besondere Begegnung gehabt, etwas Unerwartetes erlebt hat. Deshalb fragt sie: "Wo hast du heute gelesen? Wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dir entgegenkam!" (Kap. 2,19)

Ruth die Kirche, die Gemeinde, die Gläubigen aus den Nationen ist dem Besitzer des Feldes, dem Besitzer des Erbes begegnet und hat Reichtum erfahren. Das fällt auf und führt dazu, dass Naomi zum ersten Mal sagt: "Gesegnet sei er vom Herrn, der seine Gnade nicht entzogen hat." (Kap. 2,20) Plötzlich beginnt Naomi Gott zu erkennen. Sie versteht, dass der Gott Israels sie nicht verlassen hat. Ausserdem  erinnert sie sich, dass Boas ihr Verwandter ist; dessen war sie sich bisher nicht bewusst. Sie erkennt, dass Boas nicht nur ein Verwandter, sondern der Löser ist, der Erlöser, der die Lösung für ihre Not in der Hand hat.

Dieser Prozess des Erkennens geschieht heute unter dem jüdischen Volk. Es wacht dann auf, wenn sich die gläubige Gemeinde mit Entschiedenheit zu ihm stellt: "Dein Gott ist mein Gott, und dein Volk ist mein Volk." In dieses Bekenntnis ist eingeschlossen, dass der Leib Christi jegliche Form von Ablehnung, Bitterkeit oder Unverständnis überwindet, die ihm entgegengebracht wird. Durch solche Treue, solchen Gehorsam wird der Reichtum, den Gott der Gemeinde geschenkt hat, in die Beziehung zum jüdischen Volk hineingetragen. Das lässt Israel aufhorchen und erkennen: Der die Gemeinde reich gemacht hat, hat doch etwas mit uns zu tun! Der dir solchen Reichtum gegeben hat, den kennen wir doch! Man entdeckt, dass Jesus Jude ist! Ausgelöst durch die positive Haltung von Christen gegenüber der jüdischen Bevölkerung wurde zum Beispiel letzthin von vielen Rabbinern in den Vereinigten Staaten entschieden, dass sie sich mit Jesus neu auseinandersetzen müssen, weil die Christen ja an den gleichen Gott  glaubten wie sie. Das jüdische Volk, das in sein Erbe zurückkommt, braucht eine Ruth, die es auf diesen Löser aufmerksam macht; eine Ruth, die sich entschieden hat für ein Ja zu diesem Volk, das selber keine Sicht für Gott hat, das verbittert, unangenehm, ohne Hoffnung, ohne Zukunft ist.


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Noch näher zum Messias


Naomi, diese verbitterte Frau, beginnt Hoffnung zu schöpfen und gibt Ruth zu verstehen, welchen Weg es einzuschlagen gilt, um Hilfe zu erfahren: Ruth muss Boas näherkommen, dem Löser noch vertrauter werden. Was sich bis jetzt an Beziehung zu Boas ergeben hat, reicht nicht.

Ruth hört wiederum auf Naomis Rat. Für den Leib Christi hingegen ist dieses Hinhören schwierig. In den vergangenen zweitausend Jahren war wenig Bereitschaft da, sich mit dem jüdischen Volk und den jüdischen Wurzeln des Evangeliums auseinander zu setzen. Bewusst oder unbewusst gehen nämlich viele Christen davon aus, dass das jüdische Volk keine grosse Bedeutung mehr und deshalb wenig zu sagen habe. Diese Haltung der Gemeinde  zeugt von Stolz, Arroganz und sogar vom Anspruch auf das Erbe - aus einem tragischen, alles andere als hilfreichen Missverständnis heraus.

Die Existenz Israels erinnert an Gottes Auftrag und Aufforderung an die Gläubigen aus den Nationen, sein Bundesvolk zu trösten (Jesaia 40, 1) und ihm den Weg zu seinem Gott zu weisen durch die Umsetzung der Verheissung aus Jeremia 31, 33, des Herzensbundes, den Jesus am Kreuz gestiftet hat. Gott will, dass sein Bundesvolk sein Angesicht, den Vater, den uns Jesus offenbart hat, im Leben der Christen wahrnehmen kann. Auf diesen Anspruch reagieren wir oft mit Widerstand, weil wir das Gefühl haben, dass wir dem jüdischen Volk gegenüber keine Rechenschaft schuldig sind. Damit verbauen wir uns aber selber den Weg, noch näher zu Jesus hinzuwachsen.

Ruth nimmt also Naomis Rat an; sie soll zu Boas Füssen warten, bis er erwacht. Zu seinen Füssen zu sitzen, hat zum Ziel, dass Boas aufwacht; aber es bedeutet mehr: Ruth nimmt den Platz des Dieners und Sklaven ein, der zu Füssen seines Herrn schläft.  Damit bringt sie zum Ausdruck, dass ihr ganzes Leben von Boas abhängt. Sie stellt keine Forderungen, sondern verhält sich wie die Knechte, die in Lukas 17 beschrieben sind: "Wenn ihr all das getan habt, dann sprecht: Unnütze Knechte sind wir. Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren."

Diese Haltung Ruths gegenüber Boas soll die Gemeinde dem Messias gegenüber einnehmen. Ruth soll Boas nicht wecken, sondern warten, bis er erwacht und sich ihr zuwendet. Wie Boas erwacht, sagt Ruth zu ihm: "Wirf den Zipfel deines Gewandes über mich." (Kap 3,9) Das heisst so viel wie: "Ich will, dass du mich heiratest."

Diese Haltung drückt Hingabe und Unterwerfung unter die Herrschaft des Lösers aus. Es geht Ruth nicht in erster Linie darum, einen Mann zu finden. Sie befolgt Naomis Rat, dass dieser Mann die Lösung für ihre Not sei; sie demütigt sich um Naomis willen, damit diese durch Ruths Heirat mit Boas Zukunft und Hoffnung bekommt, Nachkommenschaft haben wird, Anspruch auf das Erbe erheben kann. Ruths Unterwerfung unter den Löser, ihr Gehorsam, die Hingabe ihres eigenen Lebens wird verbunden mit Naomis Erbe.


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Der Schlüssel zum Erbe


Ruth wird die Grossmutter von David, aus dessen Geschlecht der Messias entstammt. Damit ist David ein Sinnbild für die Herrschaft Gottes. Diese ist das Erbe des jüdischen Volkes; sie wird zuerst im jüdischen Volk aufgerichtet und dann vom jüdischen Volk her über dieser ganzen Schöpfung freigesetzt.

Aber dieses Erbe kann nur durch den Gehorsam, die Demut und den Dienst der Kirche, also der Gläubigen aus den Nationen, freigesetzt werden. Die Gemeinde selber kann nur aus dem Erbe leben, das Gott dem jüdischen Volk gegeben hat; sobald sie sich davon abwendet unter dem Eindruck, dieses Erbe nicht zu brauchen, endet sie wieder im Heidentum. Das ist aus der Kirchengeschichte klar ersichtlich.

Durch seine Geschichte und den Weg, den das jüdische Volk andrerseits zurückgelegt hat, ist es unfähig, sein Erbe selber freizusetzen. Gott hat es in seiner Weisheit so gefügt, dass die Gemeinde und das jüdische Volk einander brauchen. Im Römerbrief sagt Paulus, dass das unter den Heiden gewirkte Heil zum Ziel hat, Israel zur Eifersucht zu reizen, also dem Volk Israel die Augen zu öffnen. Wenn Israel eifersüchtig wird, hat es ja erkannt, dass die Heiden reich geworden sind an seinem Erbe, an seinem Gott, an dem, was eigentlich ihm zuerst verheissen ist.

Die Gemeinde ist ein Schlüssel in den Händen Gottes, mit dem er dem jüdischen Volk den Zugang zu seinem Erbe erschliessen möchte. In unserer Zeit will Gott seine Kirche, also die gläubige Gemeinde aus allen Kirchen, in besonderem Mass aufrufen, sich zum jüdischen Volk zu stellen und wie Ruth zu einem Schlüssel zu werden.

Gott hat seiner Gemeinde in den vergangenen zweitausend Jahren Reichtum und Weisheit gegeben. Aber das ist noch nicht alles! Wenn das jüdische Volk Zugang zu seinem Erbe bekommt, bedeutet das mit den Worten von Paulus die Auferstehung von den Toten (Römer 11,15).

Wenn das jüdische Volk seinen Messias Jesus erkennt, wird das erst der Anfang sein. Die Erlösung wird sich dann in einem solchen Mass auf die ganze Schöpfung auswirken, dass alles bisherige nur ein Vorspiel war. "Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten." (Römer 11, 15)

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Komm & sieh!

Einsatz in Marseille, Frankreich vom 6. bis 15. August 2010:

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Anmeldung bis Ende Juli hier

Veranstaltungen

... mit Marcel Rebiai als Referent:

Konferenz am 21. August in Winterthur, CH

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Konferenz in Wiesbaden, DE, am 28. August 2010

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