als pdf zum Herunterladen (67KB)Hat Israel noch eine heilsgeschichtliche Bedeutung?Marcel Rebiai
Propheten, Apostel und Gelehrte des jüdischen Volkes haben fast die Hälfte der heutigen Menschheit in irgendeiner Weise mit ihrem Denken und Glauben geprägt. Trotzdem bringt kein anderes Volk das Blut der Völker so sehr in Wallung wie das jüdische; entweder wird es vergöttert oder gehasst. Sein Verhalten wird immer wieder als stolz, stur und rücksichtslos empfunden, absolut ungeeignet für Diener in Gottes Königreich, von dem es heisst, dass es heilig, gerecht und wahrhaftig ist. In der heutigen Zeit ist ein solcher Gedanke sogar noch schwerer nachvollziehbar, weil Israel zum Konfliktherd geworden ist: gewalttätige Besatzer, unbelehrbare Rassisten, sture Gesprächspartner – so sieht die Welt Israel, und so stellen es die Medien dar; kein Anhaltspunkt, kein Zeichen, keine Voraussetzung für die Bildung eines Königreichs des Messias! Das Phänomen, das viele irritiert, ist, dass dieses Volk trotz Jahrtausenden voller Vernichtungswellen und Verfolgungen immer noch existiert. In Bezug auf die Berufung des jüdischen Volks könnte man das Gleiche sagen wie von der Fleischwerdung des Messias: „Wer glaubte dem, was wir verkünden, und wem war der Arm des Herrn offenbart?“ (Jesaja 53,1).
Auch die Gemeinde Gottes aus den Nationen ringt immer wieder um das Verständnis für die Bedeutung und Berufung des jüdischen Volkes. Die Frage ist immer wieder die: Was hat das jüdische Volk heute noch für eine heilsgeschichtliche Bedeutung, falls es überhaupt eine hat? Viele glauben, dass mit Jesu Kommen Gottes Verheissung an das geschichtliche Israel zur Erfüllung gekommen und ein neues geistliches Israel geboren worden sei, welches das geistliche Erbe des jüdischen Volkes übernommen hätte, so wie viele die Aussage von Paulus in Römer 9,8 verstehen. Was den Juden und Israel bliebe, sei schlicht, sich zu Jesus zu bekehren und sich in die neue Christusgemeinde einzuordnen, wie alle anderen Nationen auch.
Was die Bekehrung zu Jesus, dem Messias und König Israels, betrifft, lässt das Wort Gottes keinen Zweifel zu. Im Gegenteil: „Den Juden zuerst das Evangelium von Jesus“, sagt Paulus in Römer 1,16. Denn nach Simeon (Lukas 2,32) ist Jesus die Herrlichkeit Israels und des jüdischen Volkes. Viele sagen, es stehe im Neuen Testament nicht viel über die heilsgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes. Das ist wahr – aber es steht genug, damit wer Ohren hat, hören kann, und wer Augen hat, sehen kann.
Ein Königreich von PriesternAus einer Gesamtschau der Propheten und der Kapitel 9-11 des Römerbriefs möchte ich einen Aspekt hervorheben, um zumindest eine Ahnung der heilsgeschichtlichen Bedeutung Israels zu vermitteln. In 2. Mose 19,6 wird die Berufung Israels klar umrissen: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Die Aufgabe eines Priesters ist es, für das Volk vor Gott einzutreten, um Vergebung von Schuld zu bewirken, aber gleichzeitig auch vor dem Volk für Gott einzutreten, um dem Volk den Willen, das Wesen und die Absichten Gottes zu bezeugen. Ein Priester ist die Schnittstelle zwischen Gott und den Menschen. In seinem Amt bringt er die Offenbarung Gottes und die Umkehr der Menschen zusammen. Der Priester ist ein Zeuge sowohl der Schuld der Menschen wie auch der Vergebung Gottes. Deshalb heisst es in Jesaia 43,10 und 44,8 über Israel: „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr.“ Der Priester musste aber selbst Reinigung und Vergebung erfahren, bevor er für die anderen eintreten konnte. Darum enthält die Botschaft aller Propheten Israels immer wieder den Hinweis auf die Zeit, in der Israel als Volk die Voraussetzungen für sein Amt erfüllen wird (Jeremia 31,31-34; Hesekiel 36,22-27; Maleachi 3,1-5). Gott wird Israel von seiner Schuld reinigen, und das wird das Volk befähigen, Gott zu erkennen, um ihn der Welt zu bezeugen. „Zu der Zeit wird es geschehen, dass zehn Männer aus allen Sprachen der Völker einen Judäer beim Rockzipfel ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist“ (Sacharja 8,23). Dabei geht es bei diesem Priesteramt nicht um das Individuum, sondern um Israel als Nation, als historisches Volk, das zu einem Königreich von Priestern für Gott werden soll.
Eine übernatürliche ZeugniskraftDurch den Opfertod des Lammes Gottes Jesus für die Schuld Israels und für die Schuld der Welt wurden die Voraussetzungen geschaffen, dass Israel in diese seine Berufung eintreten kann. Die Erstlingsfrucht Israels (d.h. die Jesus-gläubigen Juden) hatte diese Berufung bereits angetreten und das Einbringen einer Erstlingsfrucht unter den Völkern ausgelöst. Wo wäre die Gemeinde Christi heute ohne die Hingabe der jüdischen Apostel und Missionare? Doch Gott hat Israel als Nation berufen, um Nationen Zeugnis abzulegen und Nationen zur Umkehr zu rufen! Dieses Ereignis steht noch aus, aber Gott wird sein Wort halten; der Tag wird kommen, wo Israel als ganze Nation durch den einen Hohepriester Jesus Vergebung und Reinigung erfahren wird (Jesaia 53, Hesekiel 36, Jeremia 31, Maleachi 3) und unter der Herrschaft dieses Hohepriesterkönigs Jesus ein Königreich von Priestern und Zeugen sein wird.
Wenn eine ganze Nation gereinigt und geheiligt im Willen Gottes steht und direkten Zugang zum Thron Gottes hat, wird eine so übernatürliche Zeugniskraft entfaltet werden, dass Paulus es nicht anders beschreiben kann, als „Auferstehung aus den Toten“ (Römer 11,15). Es wird eine unglaublich geballte Zeugniskraft sein, die direkt aus der Gegenwart Gottes in diese Welt einbricht und sich entfaltet und alles Bisherige an Tiefe und Zeugniskraft übertreffen wird. Ich denke, dass die Zeit des Einbringens der Erstlingsfrucht (nach meinem Verständnis die Zeit der Brautwerbung Jesu) ziemlich bald zu einem Abschluss kommt. Die Zeit, wo Gott sich durch Israel den Nationen zuwendet, hat meines Erachtens schon begonnen. Daher auch die Wiederherstellung Israels als Nation.
Nun heisst das nicht, dass etwa jeder Jude – nur weil er Jude ist – automatisch Teil des messianischen Israels sein wird. Paulus sagt in Römer 11,23 klar, dass Gott nur diejenigen wieder einpfropfen wird, die nicht im Unglauben verharren. Der Prophet Hese-kiel sagt, dass Gott alle, die sich gegen ihn auflehnen, aus der Mitte seines Volkes aussondern will, so dass sie nicht in das verheissene Land kommen, d.h. in die Nation, die ein Königreich von Priestern sein wird (Hesekiel 20,37-38). Jesus sagt: „Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater“ (Johannes 15,23). Im Prophet Zephania steht, dass Gott alles Stolze und Hochmütige aus der Mitte seines Volkes entfernen wird (Zephania 3,11-13). Wenn das Volk sich unter den Messias beugt und so Vergebung und Reinigung erfährt, wird es zu einer Nation, die den andern Nationen das Angesicht des Messias widerspiegelt. Israel wird als ein demütiges Volk von seinem Gott Segen empfangen, den es an die Völker weitergeben wird.
SchlussfolgerungWas ist also die heilsgeschichtliche Bedeutung Israels? Sie übersteigt letztlich unser Vorstellungsvermögen. Gott hat unglaublich grosse Pläne mit Israel, und er wird sie auch umsetzen. Sollte die Gemeinde, die Braut Christi, die Erstlingsfrucht der Schmerzen und des Sieges Jesu, eifersüchtig sein auf die Berufung Israels, des jüdischen Volkes? Das wäre ein eigenartiger Gedanke. Nach Paulus müsste eigentlich genau das Gegenteil der Fall sein. Israel müsste der Gemeinde nacheifern, weil es an ihr etwas vom Messias sehen sollte, nach dem sich Israel immer noch sehnt. Das jüdische Volk und die Welt müsste auf die Braut Christi eifersüchtig sein! Braut Christi – was für eine Berufung! Sind wir uns unserer Berufung wirklich bewusst? Als seine Braut haben wir einen ganz intimen Platz am Herzen des Messias. Was wollen wir eigentlich mehr? Sollten wir als die Braut Christi nicht seine Leidenschaft für das jüdische Volk und Israel als Nation, das er berufen hat, sein Königreich zu sein, teilen? Sollten wir nicht mit jeder Faser unseres Seins darauf hin fiebern, dass ganz Israel wiederhergestellt wird, das jüdische Volk zum Messias umkehrt und endlich in seine Berufung kommt, damit die Auferstehungskraft, von der Paulus spricht, für die ganze Welt freigesetzt wird?
Die kontroverse Haltung vieler Christen gegenüber dem Volk Israel hat meines Erachtens nicht nur damit zu tun, dass sie die Heilsgeschichte Gottes nicht verstehen, sondern ihre eigene Berufung als Teil der Braut Jesu noch nicht begriffen haben. Deshalb treffen wir auf Christen, die dem jüdischen Volk gegenüber in Minderwertigkeit leben, eifersüchtig sind und gar zum Judentum konvertieren oder aber die Juden ablehnen und ihnen jede heilsgeschichtliche Bedeutung absprechen. Israel ist berufen, ein Ort der Offenbarung Gottes, ein Licht für die Völker zu sein, und wir als Gemeinde aus den Nationen wurden durch Jesus an dieser Berufung beteiligt in einem ganz speziellen Sinne – als Erstlingsfrucht, um die Erstlingsfrucht aus Israel und den Nationen einzubringen. Doch die grosse Ernte unter den Völkern, das glaube ich zumindest, wird durch das messianische Israel eingebracht. Das Grosse und Überwältigende kommt erst noch, wenn Israel zu seinem Messias, dem König der Juden, Jesus, heimgefunden hat. Beten wir, dass es bald geschehen möge. Um der Sehnsucht Gottes willen und um der leidenden Welt willen!
Dieser Artikel ist in der Februarausgabe des Vineyard-Magazins „Equipped“ erschienen.