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Leseprobe Buch "Im Bilde Gottes"

Die Wüste

Predigt von Marcel Rebiai

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Ich lese drei Texte vor, die alle etwas miteinander zu tun haben.
Der erste Text steht in Matth. 4,1-2: „Danach wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden; und er fastete 40 Tage und 40 Nächte, dann hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran...“
Der zweite Text steht in Matth. 6,21: „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“
Der letzte Text steht in Offb. 12,11: „Und sie haben ihn besiegt kraft des Blutes des Lammes und kraft des Wortes ihres Zeugnisses, und sie haben ihr Leben nicht lieb gehabt bis in den Tod.“
Was haben diese drei Texte miteinander zu tun? Ich denke, sehr viel. Unser fortwährendes Thema als Jünger Jesu ist ja die Liebe zu ihm und das Unterwegssein mit ihm, die Nachfolge. Auf dem Weg dieser Nachfolge wird uns Lebensfülle verheissen, wie es im Johannes-Evangelium steht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh. 10,10) Wenn wir ehrlich sein wollen, sieht die Realität in unserem Erleben aber sehr oft anders aus. Unsere Erfahrung ist keineswegs immer diejenige von Lebensfülle. Warum quälen sich so viele Christen mit einem grossen Mangel an Frieden, Freude, Trost und Gelassenheit durch das Leben? Um den möglichen Gründen ein wenig auf die Spur zu kommen, müssen wir uns zuerst die Frage stellen, warum wir eigentlich Christen geworden sind. Es ist tatsächlich selten die Liebe zu Jesus, die einen Menschen zur Entscheidung für ihn treibt. Ich glaube, dass bei den meisten die Hinwendung zu Jesus auf einem Selbsterhaltungstrieb, auf selbstbezogenen Motiven basiert. Die einen werden Christen aus Angst vor der Hölle, was ein legitimer Grund ist, weil wir ohne die Erlösung durch das Kreuz Jesu tatsächlich verloren gehen würden. Aber dieser Grund, der sich ja stark auf uns selber bezieht, hat mit Gott zuerst noch gar nichts zu tun. Andere werden Christen, weil sie sich von Jesus Hilfe und Beistand für ihre Eheprobleme erhoffen; wiederum andere, weil sie mit sich und ihrem Leben nicht fertig werden und das Angebot annehmen, heil zu werden und Lebenshilfe zu erhalten, um aus ihren Nöten herauszukommen. Das sind alles legitime Motive; denn Jesus selbst ruft uns zu: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken (helfen, wohl tun). Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn meine Last ist leicht und mein Joch sanft.“ (Matth. 11,28-30)

Eigennützige Motive

Wir kommen zu Gott, um etwas zu erhalten. Es geht uns darum, Hilfe zu erfahren und heil zu werden. Unser Blick ist dabei stark auf uns selbst ausgerichtet. Unsere Motive sind eigennützig. Gott weiss das sehr wohl! Er kennt unsere Herzen bis auf den Grund und macht sich nichts vor. Doch gerade darin wird die Grösse Gottes sichtbar, dass er sich trotz unseres Egoismus’ auf uns einlässt. Er nimmt uns so an, wie wir sind.
Unsere ersten Schritte auf Jesus zu sind meistens selbstsüchtig. Man kann sich sogar aus egoistischen Motiven in seinen Dienst stellen oder in die Mission gehen. Doch Gott will nicht nur unseren akuten Hunger stillen. Er will uns nicht nur in die Lebensfülle führen, sondern nahe an sein Herz, weil wir nirgendwo sonst zur Ruhe kommen können. Deswegen lässt er uns nicht so, wie wir sind. Er muss uns mit den Gesetzmässigkeiten des Reiches Gottes vertraut machen, nach denen nicht derjenige das Leben findet, der es an sich reisst, sondern derjenige, der es in die Hände Gottes loslässt und verliert. Wenn wir das nicht erkennen, werden wir die Nachfolge Jesu letztlich nie verstehen. Aber Gott ist so gross, dass er unsere ersten selbstsüchtigen Schritte mit Frieden und Freude beantwortet.
Jeder, der in seinem Leben Jesus wirklich begegnet ist, weiss, wie es ist, wenn der wohltuende Friede Gottes unser Herz erfüllt. In solchen Momenten haben wir den Eindruck, dass jetzt alles gut ist: Wir haben Jesus kennen gelernt; unser Leben gehört ihm; wir haben ihn lieb und gehören zu seiner Gemeinde. Erfüllt und berauscht von diesem Geschenk Gottes meinen wir, ihm nahe zu sein und ihn zu lieben. Wir sind sicher, dass uns nichts mehr passieren kann. Und dann kommt, was kommen muss, was unter allen Umständen kommen muss: der nächste Schritt! Jesus sagt zu uns: „Wir müssen weiter! Ich habe dir den Tisch im Angesicht deiner Feinde gedeckt. Du hast gegessen und getrunken; ich habe dich gestärkt; nun müssen wir weiter!“

Aufforderung zum Aufbruch in die Wüste

Gerettet werden, Vergebung empfangen, Heilung erfahren ist nur das Brot, das mich stärken soll, damit ich mich auf den Weg mache in die Wüste, zu meinem Gottesberg, wo ich Gott – und mir selber – in Wahrheit begegnen werde. Die Wüste ist nicht immer eine äussere Realität, sondern meistens ein innerer Zustand unserer Seele, eine Zeit der Dunkelheit und Dürre. In der Wüste wird Gott mich nach meinen tiefsten Motiven fragen. Er wird mir sein Herz offenbaren. Er wird mich in die Nachfolge seines Sohnes rufen, um mich in sein Bild zu verwandeln. Bis dahin hatte nämlich noch keine Nachfolge stattgefunden! Ich war lediglich als Gast an den Tisch Jesu eingeladen worden. Er gab mir Nahrung und nahm mir Lasten ab. Und während ich noch zu Tische sass, kam die Aufforderung zum Aufbruch, wie wir gelesen haben: „Und der Geist Gottes führte ihn in die Wüste.“
Hier fängt der Weg in die Nachfolge an. Nachfolge heisst ja, hinter Jesus herzugehen, in das Gleiche wie er selbst hineingeführt zu werden. Jesus sagt von sich: „Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Lk. 9,58) Von seinen Nachfolgern sagt Jesus: „Wenn einer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Matth. 16,23) Jesus zwingt niemanden zur Nachfolge. Aber wenn wir ihm nachfolgen wollen, kann er uns die Konfrontation mit unserer eigenen Realität und den Bedingungen der Nachfolge nicht ersparen. In der Wüste offenbart uns Gott die Realität unseres Herzens. Der Heilige Geist muss uns tiefer in die Wahrheit führen. Die Wüste fängt an, nach unserem Leben zu greifen. Hunger und Durst kommen auf. Unsere Sinne schreien nach Befriedigung, nach Frieden, ja nach Betäubung. Doch Gott geht nicht auf unser Schreien ein. Er scheint – unberührt von unserer Not – zu schweigen. Statt Befriedigung unseres Hungers nach Trost, Freude, Frieden und Geborgenheit beginnen die Dämme der Verdrängung in uns zu brechen, und unser Inneres schafft sich Bahn an die Oberfläche. Verdrängte Leere, Existenzängste, Minderwertigkeit, Selbstablehnung, Einsamkeit, Bitterkeit, Anklage und Wut brodeln aus einem kochenden Herzen und füllen den Mund mit bitterer Galle.
Alle verschlossenen Räume unseres Inneren werden in der Wüste geöffnet. Nichts darf verborgen bleiben. Das Licht muss in jeden dunklen Winkel hineinleuchten, damit die Wahrheit in unser Herzen dringen und Umwandlung geschehen kann. Gott in seiner Güte führt uns im Laufe unserer Nachfolge immer wieder und immer tiefer in die Wüste hinein und dadurch auch in die Offenbarung des Geheimnisses unserer Verwandlung in das Bild seines Sohns. Niemand von uns würde die Erkenntnis der Erlösungsbedürftigkeit seines Herzens auf einmal verkraften.
In diesem Prozess ist unsere erste Reaktion gewöhnlich Verwirrung, Enttäuschung, Zweifel. Wir verstehen nicht, was geschieht. Der bekannte Friede kommt uns abhanden. Wir verstehen Gott nicht mehr; sein Wort spricht nicht mehr so zu uns, wie wir es gewohnt waren. Wir haben den Eindruck, dass es uns plötzlich viel schlechter geht als damals, als wir noch nicht mit Jesus lebten.
Der Geist führte auch Jesus in die Wüste. Diese Wüstenperioden stehen immer am Anfang einer Begegnung mit Gott, wenn er jemandem die Geheimnisse seines Reichs tiefer ins Herz schreiben will. Ohne diese Wüstenzeiten werden wir nie wirklich erfahren, wie es mit unserer Beziehung zu Jesus steht, wie ernst es uns mit der Nachfolge ist. Die Wüste ist absolut notwendig, damit der Geist Gottes uns in die Wahrheit hineinführen kann. Der Heilige Geist ist derjenige, der uns Jesus offenbart, und deswegen muss er uns in die Wüste hineinführen, in unsere persönliche Wüste.
Die Wüste ist der Ort, wo der Wind Gottes alle Spreu und alles Stroh, alles Leere und Inhaltlose, allen Lärm und alle Betäubung hinwegfegt und das nackte Fundament, die Beschaffenheit des Bodens ungeschminkt freilegt und zu Tage fördert. Illusionen und Wunschbilder, mit denen ich meine armselige Wirklichkeit zudeckte, lösen sich schmerzlich auf vor meinen brennenden Herzensaugen. Selbst die Zuwendung Gottes, die mich früher im Lobpreis, im Lesen seines Wortes, in der Stille vor ihm, in der Gemeinschaft mit Freunden und Glaubensgeschwistern erfüllte (ja, an der ich mich manchmal geradezu berauscht hatte wie an einem guten Buch oder Film oder womit immer ich mich zu entspannen vermochte), wird mir entzogen und kommt mir so sehr abhanden, dass ich jeden Geschmack daran verliere.
Es gibt Zeiten im Leben, in denen uns zu viele Emotionen, selbst in unserer Beziehung zu Gott, von der wesentlichen Arbeit an unserem Herzen ablenken können. Um der Wahrheit willen muss sich Gott zurückhalten. Er muss mich an den Ort bringen, wo endlich zum Vorschein kommt, was alles in meinem Herzen ist, und wo ich die Wahrheit über mich selber erfahre; wo kein Verdrängungsmechanismus mehr spielt, keine Ablenkung mehr funktioniert – weder eine religiöse noch eine kulturelle oder hedonistische. Wir wissen ja, dass der Feind Gottes nicht wählerisch ist in seinen Mitteln, die uns davon abhalten sollen, die Wahrheit über uns und über Gott zu erfahren. Daher ist die Wüste absolut notwendig.

Begegnung mit dem wahren Ich

Wenn wir in der Wüste uns selber in die Augen schauen, werden wir unserem wahren Ich begegnen, das normalerweise voller Selbstablehnung und Anklage gegen unsere persönliche Geschichte und unser Gewordensein ist, weil Angst, Unsicherheit und innere Heimatlosigkeit unser Lebensgefühl prägen. Die Auflehnung gegen den Lebensweg, den Gott uns zugemutet hat, ist nicht nur die übliche Reaktion, sondern wir entdecken sie wie eine Krankheit an uns, die wir nicht abschütteln können. Erst da fangen wir an zu erahnen, wie unvorstellbar erlösungsbedürftig unser Herz ist. Wir entdecken, wie unglaublich schnell wir Gott misstrauen und uns von ihm abwenden, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie wir es uns vorgestellt haben. Gott muss uns geradezu den Angriffen des Feindes aussetzen, damit offenbar wird, wie wir wirklich zu ihm stehen.
Die Wüste ist einerseits der Ort der Einöde, Fruchtlosigkeit, Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Auf sich allein gestellt und ohne Schutz ist der Mensch fortwährend vom Tod umgeben. Daher hausen die Dämonen in der Wüste; der Teufel ist gegenwärtig. Andererseits kann die gleiche Wüste ein Juwel an Schönheit und ein Meer an Frieden und Herrlichkeit sein, wenn der Atem Gottes sie mit seinem Flüstern erfüllt und unsere Seele bis in die tiefsten Tiefen erfasst. Gott spricht und handelt in der Wüste. Der Geist Gottes führte Jesus in die Wüste und setzte ihn den Angriffen, den Fragen und vor allem den Lügen des Teufels aus. Diese Vorgehensweise ist eine Notwendigkeit, um uns vorzubereiten und auszurüsten, weil unser Weg der Nachfolge ja durch eine Welt geht, die vom Feind Gottes beherrscht ist. Ich muss in die Wüste gehen, um zu lernen, die Stimme Gottes von der Stimme des Teufels zu unterscheiden. Die Wüste ist eine Ausbildungszeit, ein Ausbildungsort. Hier macht mich der Geist Gottes mit der Strategie des „Lügners und Anklägers der Brüder“ bekannt. Er lehrt mich, dem Teufel auf die Schliche zu kommen. Ich lerne, Lüge von Wahrheit, Licht von Finsternis, Stolz von Demut zu unterscheiden, damit ich in einer von Lüge und Stolz geprägten Welt die Fussstapfen Jesu sehen kann und den Weg nicht verliere. Das lerne ich nur in der Wüste.

Die Prüfung

Was erleben wir normalerweise in der Wüste? Unser erster Eindruck – wie schon oben erwähnt – ist, dass Gott uns verlassen habe, weil wir seine Nähe nicht mehr spüren, seine Stimme nicht mehr hören. Die Freude sowohl am Gebet wie am Lesen des Wortes Gottes ist uns abhanden gekommen. Alles um uns und in uns wird leer und schal. Die Bedürfnisse unserer Seele und unseres Geistes erfahren keine Befriedigung mehr. Wir können keinen Frieden mehr empfinden. Unser Leben mit Gott wird zu einem Zustand der Trockenheit. Nichts schmeckt uns mehr. Die Liebe zu Gott wird zu einem reinen Willensakt – sie ist nichts Erhebendes mehr. Wenn wir diesen Zustand nicht mit Aktivitäten und Konsum zuschütten und übertünchen, sondern unser Herz in diesem Zustand zu Wort kommen lassen, dann beginnen die Dämme in uns zu brechen. Das Negative, das in unserem Herzen steckt, kommt in uns hoch. Anklage, Enttäuschung, Wut und Resignation machen sich breit.
In dieser Situation kommt der Teufel und sagt: „Weisst du, deine Bekehrung, deine so genannten Erfahrungen mit Gott sind nichts als religiöse Schwärmerei. Du bist doch nur auf Menschen hereingefallen.“ Der Feind belügt uns, je nachdem, wo wir in unserer Beziehung zu Gott gerade stehen. Er sagt: „Schau mal, in dieser Sache, in der du gerade stehst, gibt es keine Lösung! Gott ist ein Gott, der zwar heilt; aber du bist nicht auf seiner Liste. Du bist nicht in seinem Blickwinkel. Gott heilt und befreit Menschen; aber du bist so verletzt und gefangen, deine Geschichte ist so speziell schwierig, dass es wenig Hoffnung gibt.“ Der Teufel sagt nicht, dass Gott nicht heilt, nicht eingreift oder nicht da ist. Er sagt: „Du bist ein Spezialfall. Gott kann zwar helfen; aber es gibt gewisse Fälle, die sind sogar für ihn schwer lösbar, und du bist ein solcher Fall. Bei dir verhält es sich komplizierter als bei anderen Menschen.“ Lüge ist die Waffe des Teufels. Er kommt und sagt uns: „Du musst lernen, mit deiner Realität zu leben. Du musst akzeptieren, dass du eben so geworden bist und du dich in diesem Lebensbereich nicht ändern kannst. Es ist nun einmal die Begrenzung deines Wesens, dass du dich anderen gegenüber nicht öffnen kannst und Mühe hast, wirklich in dein Herz hineinschauen zu lassen. Da kann man nicht viel machen. Es gibt Menschen, denen fällt das leichter.“ In dieser Art beginnt der Teufel, uns mit Lügen einzudecken. Das Ziel, das er in der Wüste verfolgt, ist, dass wir uns als Opfer sehen; als Opfer von Gottes Forderung und Berufung oder als Opfer unserer Geschichte, unseres Gewordenseins, unserer Erziehung oder anderer Lebensumstände. Er will, dass wir uns als Opfer sehen und uns bemitleiden. Denn so entziehen wir uns der Verantwortung und der Rechenschaft bezüglich unseres Denkens, Tuns und Lassens und erfahren weder Umkehr noch Vergebung und Neuanfang.
Der Feind Gottes und des Menschen nähert sich uns immer da, wo wir schwach sind, um uns zu Fall zu bringen, indem er unsere Schwachheiten in Lähmungen verwandelt. Was auch meine Schwäche ist: Selbstmitleid, Mutlosigkeit, Resignation, Angst oder Misstrauen – wenn ich diese Schwächen nicht in die Hände Gottes lege, wird sie der Teufel immer als Waffe gegen mich verwenden. In unserem Ringen um echte Nachfolge wird der Teufel uns mit der Lüge bedrängen, radikale Nachfolge und ganze Offenheit und Ehrlichkeit sei nur etwas für Heilige – und nichts für schwache Menschen. Ein Otto Normalverbraucher, wie ich es sei, solle sich nicht überfordern. Man lese doch nur die entsprechenden Bücher über Heilige. Was die durchgemacht haben, sei nichts für Menschen, die wenig Seelen- und Charakterstärke zur Verfügung haben. Das brauche weit mehr, als ich und du aufbringen könnten, um den radikalen Forderungen der Nachfolge Christi nachzukommen, wo es um ein Aufgeben der eigenen Lebensziele und -träume gehe, um ein Leben ohne Garantie für sichtbaren Erfolg, Anerkennung und Sicherheit, ohne Aussicht auf ein eigenes, wenn auch kleines Reich.

Zugelassene Versuchung

Gott lässt die Versuchung zu. Wenn mein Herz offenbar wird, muss ich mich der Frage stellen, ob ich bereit bin, Gottes Wort und seinen Verheissungen zu glauben, nämlich, dass er mich – wenn ich mein Leben in seine Hände verliere – durch Dunkel, Not und Kampf ins Leben führen wird. Auflehnung, Mangel an Glauben, Stolz, Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Feigheit können sich in solchen Momenten, wo es darum geht, unser Leben loszulassen, wie eine finstere Wand zwischen uns und Gott aufrichten. Doch Gott bringt uns an den Punkt, wo er uns fragt: „Bist du wirklich bereit, mir nachzufolgen, auch wenn es dich alles kostet? Bist du bereit, auch wenn ich dich nicht immer mit Wohlbefinden beschenke, wenn du durch Zeiten der Dürre und der Dunkelheit gehen musst, wenn für dich nicht alles rund läuft? Selbst wenn du ein Kind, deinen Ehegatten oder deine Freunde verlierst? Bist du dann immer noch bereit, mir nachzufolgen um meinetwillen? Oder bist du nur bereit, mir nachzufolgen, solange ich dir deine Wünsche erfülle?“
Liebe zu Gott ist eine Beziehung, geboren aus der bedingungslosen Entscheidung, ihm gehören zu wollen, verankert in der Herzenshaltung wie in Ps. 73,24 ausgedrückt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde!“ Liebe ist eine Frage der Entscheidung, unabhängig davon, ob meine Wünsche erfüllt werden oder nicht. Es geht darum, dass ich Gott als Person suche und nicht seinen Reichtum und seine Gaben. In der Wüste wird sichtbar, ob ich vom Brot der Welt lebe oder vom Wort Gottes. Gott sucht meine ganze Hingabe. Er will meine einzige Lebensquelle sein. Hingabe ist das Ja zu Gottes Wegen trotz aller Widerstände: „Herr, ich will mit dir gehen; ich vertraue dir, dass du wirklich derjenige bist, als der du dich mir versprochen hast. Du bist das Leben, du bist die Liebe – darum will ich mich in deine Hände verlieren. Du wirst mich in meinem Schmerz, in meiner Leere, in meiner Angst, in meiner Verzweiflung an mir selbst durchtragen und ans Ziel bringen.“

Sieg durch das Blut des Lammes

Gott lehrt mich in der Wüste, den wahren Kampf gegen den Feind zu kämpfen. Er lehrt mich, den Teufel zu überwinden, und zwar durch die einzige Strategie, die zum Ziel führt. Da ist zuerst das Blut des Lammes. Hier muss ich selber nichts tun. Jesus hat sein Blut vergossen. Wenn mir der Teufel in der Wüste sagt: „Schau doch, wie dein Herz aussieht, wie kaputt, schuldig und unmöglich du bist. Du hast keine Chance...“, dann darf ich sagen: „Es ist wahr, ich bin schuldig, ich bin schwach (dem Teufel begegnet man am besten, indem man zur Wahrheit steht; denn Wahrheit kann er nicht ausstehen); aber das Blut des Lammes reinigt mich. Und es gibt nichts in dieser Schöpfung, was sich dem Blut Jesu widersetzen könnte. Es gibt nichts in meinem Herzen, was nicht durch das Blut des Lammes gereinigt werden könnte. Keine Schuld ist so gross, weder in meinem Leben noch unter den Völkern, die nicht durch das Blut des Lammes Gottes vergeben werden könnte.“ Das bringt den Feind zum Schweigen. Wenn ich wirklich glaube, dass das Blut des Lammes stärker ist als jede Prägung in meinem Leben, als jede Prägung eines Volkes, als jede Tradition und jede andere Macht, brauche ich mich vor den Anklagen des Feindes nicht zu fürchten. In den Wüsten unseres Lebens wird die Bedeutung des Blutes des Lammes wirklich kostbar. Es ist das einzige Mittel, mit dem wir dem Feind gegenübertreten können.

 
Das Wort des Zeugnisses

Der zweite Teil der Strategie des Überwindens ist das Wort des Zeugnisses. Was für ein Zeugnis ist damit gemeint? Es geht um das Zeugnis, dass Jesus am Kreuz alles überwunden hat. In der Wüste ist alles eine Bewegung auf das Kreuz hin. In der Wüste erfahre ich die Wahrheit und Realität des Kreuzes für mein Leben. Gott zeigt mir nicht nur, wie unheilbar krank mein Herz geworden ist durch die Trennung von ihm, der das Leben ist; wie Hochmut, Stolz, Lüge und Habgier mich in einem hoffnungslosen Zustand gefangen halten; wie unheil, verworren und zerstört meine Lebensgeschichte ist, so dass ich nicht anders kann, als mit Paulus zu schreien: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen!“ (Röm. 7,24) Nein, zusammen mit der Tiefe meiner Erlösungsbedürftigkeit zeigt mir Gott die befreiende Botschaft, welche Hoffnung und Wiederherstellung der Persönlichkeit ermöglicht. Jesus hat am Kreuz nicht nur meine Schuld getragen, sondern auch die Krankheit meines Menschseins, die Schmerzen, die Einsamkeit und Verirrungen meiner Seele, die geschlagenen Wunden und tiefen Kerben der Zerstörung durch meine Geschichte. Er hat die erdrückende Last auf meinen Schultern, das tödliche Gift in meinem Herzen, die Umnachtung schaffende Verstörtheit in meinem Geist auf sich genommen, damit ich mich aufrichten, atmen, hoffen, mich freuen und leben darf. Es gibt nichts in meinem Leben, was durch Jesus nicht befreit und in die Weite und ins Leben geführt werden könnte. Er, der mich bis auf den Grund meiner Seele kennt, ist ganz für mich. Gott ist die Liebe, und ich bin auf ihn hin geschaffen. Was für eine Botschaft! Wenn dieses Zeugnis in meinem Herzen lebt, wenn ich es vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt bezeuge, muss der Feind Gottes, der Feind des Lebens, weichen.

Sein Leben nicht lieben bis in den Tod

Der dritte Teil der Strategie des Überwindens heisst: „Und sie haben ihr Leben nicht lieb gehabt bis in den Tod.“ Das betrifft nicht nur diejenigen, die sich nach einem Martyrium sehnen, sondern jeden, der in die Nachfolge Jesu tritt. Und zwar geht es dabei nicht um einen letzten heroischen Akt, wenn wir irgendwo ins Gefängnis geworfen werden und dort unser Leben lassen müssen, sondern um die Bereitschaft, unser Leben tagtäglich in kleinen Abschnitten zu lassen. Paulus sagt: „Um deinetwillen mordet man uns Tag um Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ (Röm. 8,36) Es geht um dieses tägliche Sterben um Jesu willen; wir lassen unser Leben in Raten. Wenn ich Jesus in mein Leben und in diese Welt hinein bezeuge, werde ich mit Sicherheit Schläge kriegen. Denn ich lebe in einer Welt, die Jesus gegenüber feindlich ist. Wer um sein Leben fürchtet, ist eine leichte Beute für den Teufel, weil er durch Drohung und Gewalt erpressbar ist. Wenn ich Angst habe, mein Leben zu verlieren, zu sterben, bin ich leicht zu überwinden. Nur wer keine Angst hat, sein Leben zu verlieren, hat vom Teufel nichts zu fürchten.
Gott will uns lehren, wie wir den Feind überwinden können: durch des Lammes Blut, durch das Wort unseres Zeugnisses, und dass wir unser Leben nicht lieb haben bis in den Tod. Und das beginnt in der Wüste. Wenn jemand, der diese Zeilen liest, sich gerade jetzt in einer Wüste befindet, darf er wissen, dass ihm nichts Besseres geschehen kann, weil er an einem Ort ist, wo seine Liebe zu Jesus an Echtheit, Substanz und Wahrheit gewinnt. In der Wüste kommen wir Jesus näher und erfahren, wer er wirklich ist.
Es ist wichtig, dass wir uns in der Wüstenzeit nicht auflehnen, sondern wachen und beten, so dass wir die Stimme Jesu von der Stimme des Feindes unterscheiden können. Das bewahrt uns davor, in eine Opfermentalität zu verfallen. Der Feind solidarisiert sich immer mit unserem Selbstmitleid. Er solidarisiert sich mit unserer Rebellion. Er solidarisiert sich mit unserer Leidensscheu und sagt: „Jawohl, das sollte dir nicht widerfahren; es ist eine Zumutung, dass Gott dich in eine solche Situation hineinstellt. So etwas darf nicht sein, das verträgt sich nicht mit der Liebe Gottes. Tue etwas, was diese Situation so schnell wie möglich beendet.“ Die Stimme des Teufels zeigt sich sehr solidarisch mit unseren Nöten! Die Stimme Gottes hingegen fragt: „Hast du mich lieb – auch in dieser Situation? Stehst du zu mir? Bist du wirklich bereit, auch dann weiterzugehen und zu mir zu halten, wenn du jetzt keine Antwort hast? Bist du bereit, dich ganz zu öffnen? Darf ich dir ein fleischernes und damit auch ein verletzliches Herz geben?“
Über allem Handeln Gottes an uns steht das Wort Jesu: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben, und es in Fülle haben.“ Ja, man kann in der Wüste Lebensfülle erfahren, denn es heisst: „Und die Engel kamen und dienten ihm.“ Jeder von uns kann das erleben. Wenn wir die Liebe zu Jesus mit unseren Herzen umfasst haben, wenn wir ihm unser Ja gegeben haben und an ihm geblieben sind, dann werden wir erfahren, wie ein weiter und reicher Lebensraum entsteht und wächst und uns die Engel tatsächlich in seinem Namen dienen.
Amen.

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