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„Ein gemeinsames Wort zwischen uns und euch“

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Kontroverse um islamisch-christliche Initiative

Marcel Rebiai 2008

In diesem Artikel möchte ich mich zu einem Thema äussern, das im Moment brennend in der Luft liegt und mich stark bewegt. Es handelt sich um eine islamisch-christliche Initiative, die in den vergangenen Monaten in weiten Kreisen der Christenheit aktuell und wichtig geworden ist.

Im Oktober 2006 schrieben namhafte Gelehrte aus der ganzen islamischen Welt einen offenen Brief an Papst Benedikt XVI, in dem sie auf seine Rede vom 12. September 2006 an der Universität Regensburg reagierten. Der Papst zitierte in Regensburg einen byzantinischen Kaiser des 14. Jahrhunderts, der im Gespräch mit einem gebildeten Perser den Islam als gewalttätige und den Menschen keinen Gewinn bringende Religion bezeichnete.
Die Zitate des Papstes erhitzten viele Gemüter und bewirkten Empörung, Zorn und gewalttätige Reaktionen gegen Christen und christliche Einrichtungen in der islamischen Welt.
In ihrem offenen Brief bezeichneten die islamischen Gelehrten den Papst und seine Experten in respektvollem Ton als unqualifiziert, irrend und falsch unterrichtet in ihrer Kenntnis und ihrem Verständnis des Islams. Daneben wurden sehr versöhnliche Angebote zum Dialog gemacht. Es wurde auf Papst Johannes Paul II verwiesen, der 1985 in Casablanca zu einem islamischen Publikum gesagt hatte: „Wir glauben an denselben Gott, den einen Gott, den lebendigen Gott, den Gott, der die Welten geschaffen hat und seine Geschöpfe zur Vollkommenheit führt.“ Mit dieser Aussage habe der Papst Christen und Moslems zu einer friedlichen Koexistenz aufgerufen. Da sie zusammen mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung ausmachten, hinge der Frieden und die Zukunft der Menschheit bei aller Unterschiedlichkeit von gegenseitiger Anerkennung und Zusammenarbeit ab.

Islamisches „Friedensangebot“

Der damalige Aufruf von Papst Johannes Paul II zum friedlichen Miteinander erfuhr im Frühherbst 2007 durch islamische Gelehrte eine neue Ausweitung und Dringlichkeit. Bekannt wurde dieser Versöhnungs- und Friedensappell unter dem Titel „Ein gemeinsames Wort zwischen uns und euch“. Der offene Brief wurde von 138 islamischen Gelehrten unter dem Patronat von König Abdullah von Jordanien unterzeichnet und richtet sich als Weihnachtsgruss an alle Christen. Er fordert die Christen auf, um des Weltfriedens und der Zukunft der Menschheit willen den Dialog mit den Moslems aufzunehmen, das gegenseitige Verstehen, Respektieren und Anerkennen zu fördern und Kampf und Feindschaft einzustellen. Denn Christen, Juden und Moslems hätten nach Thora, Neuem Testament und Koran im Wesentlichen dieselbe Botschaft: Alle bezeugten den einen und einzigen Gott, dem nichts und niemand beigesellt werden könne. Das ist ein klarer Verweis auf Jesus, dessen Gottessohnschaft in islamischer Theologie, Tradition und Denkart entschieden abgelehnt wird. Juden, Christen und Moslems bezögen sich auf den einen Schöpfer von Himmel und Erde, der durch die Propheten Moses, Jesus und Mohammed das zentrale, für alle verbindliche Gebot gegeben hat: Du sollst Gott lieben mit allen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus – und auf seine Art auch Mohammed – hätten das so gepredigt. Trotz Unterschiedlichkeiten in den Religionen (wie die Nebensächlichkeit, dass der Islam Jesus als Sohn Gottes und Erlöser der Welt ablehnt) hätten Moslems und Christen das wesentliche Fundament des Doppelgebots der Liebe und der Einheit Gottes gemeinsam; daher sei das Besinnen auf das Gemeinsame ein Gebot der Stunde. Durch Dialog, Zusammenarbeit und Zusammenstehen der Glaubensgemeinschaften könne eine Kultur des gegenseitigen Respekts, der Annahme und Anerkennung geschaffen und dadurch ein gemeinsamer Boden für den Weltfrieden ermöglicht oder sogar garantiert werden.
Das Versöhnungsangebot der islamischen Gelehrten kann in der Tat als eine Chance betrachtet werden. Jede Form von Offenheit sollte ergriffen werden, um anderen in Liebe und Respekt zu begegnen, zuzuhören und das Evangelium zu bezeugen. Ich bin bereit, mich mit jedem Menschen hinzusetzen und ihm zuzuhören, was immer sein Glaube und seine Ideologie sein mag, solange auch ich ohne Abstriche das Evangelium des Gekreuzigten bezeugen kann. In diesem Sinne hätte ein Antwortbrief der christlichen Leiter an die islamischen Gelehrten Sinn und Berechtigung gehabt: „Danke für das Angebot zum Gespräch, das wir mit Freuden annehmen. Lasst uns zusammenkommen, um einander in Respekt und Würde das Herz unseres Glaubens zu bezeugen und miteinander unsere Schriften zu erforschen, während wir uns gegenseitig die Freiheit des Denkens und des Glaubens zugestehen.“
Alle Menschen müssen das Grundrecht und die Freiheit haben, sich mit verschiedenen Glaubensbotschaften auseinanderzusetzen und ohne Behinderung und Ausgrenzung den Überzeugungen ihres Herzens zu folgen, solange die Umsetzung ihres Glaubens nicht das Leben anderer gewalttätig bedroht oder betrifft. Es gibt viele wichtige Themen, über die Moslems und Christen miteinander reden könnten. Das Angebot der islamischen Gelehrten hätte also im Sinne des gegenseitigen Zuhörens und Bezeugens angenommen werden können.

Unklare christliche Antwort

Bekannte Theologen und christliche Leiter aus vielen Denominationen reagierten positiv auf den offenen Brief der islamischen Gelehrten. Die offizielle Antwort auf das islamische Schreiben, „Gott und den Nächsten lieben“, wurde an der Yale Divinity School in Amerika verfasst und von 600 Theologen und Leitern unterzeichnet. Das Schreiben bezeichnet die Gottes- und Nächstenliebe als die zentrale gemeinsame Basis von Christentum und Islam und betont, die Zukunft der Welt hänge davon ab, dass Christen und Muslime friedlich zusammenleben.
Die Erklärung fiel aber leider in einer unklaren, missverständlichen Formulierung aus, mit unhaltbaren und die eigene Überzeugung schwächenden Aussagen. Bei Kenntnis der islamischen Theologie und des islamischen Denkens hätten schon die Worte „Allah darf nichts als Teilhaber an seiner Göttlichkeit beigesellt werden“, die mehrmals und zentral unterstrichen wurden, zum Aufhorchen und zur Vorsicht gemahnen sollen. Denn der Begriff „als Teilhaber beigesellen“ (arabisch „shirq“) wird im Koran, in der islamischen Theologie, in Tradition und Empfinden der Moslems fast ausschliesslich auf die Göttlichkeit Jesu bezogen.
Zitierte Koranverse im islamischen Appell sind: „Ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs (Miteinanders) zwischen uns und euch! (Einigen wir uns darauf) dass wir Allah allein dienen und ihm nichts (als Teilhaber an seiner Göttlichkeit) beigesellen, und dass wir (Menschen) uns nicht untereinander an Allahs Statt zu Herren nehmen. Wenn sie sich aber abwenden, dann sagt: Bezeugt, dass wir (Allah) ergeben (Muslime) sind!“ (Sure 3,64).
„Sag: Mein Gebet und meine Opferung, mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Menschen in aller Welt. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Dies (zu bekennen) wurde mir befohlen. Und ich bin der erste von denen, die sich Allah ergeben haben“ (Sure 6,162-163).
Somit macht das Schreiben von Anfang an klar, dass das Versöhnungs- und Friedensangebot der Moslems auf einer Grundlage steht, die Jesus Christus zwar als hoch verehrten Religionsstifter, als Prophet unter Propheten anerkennt, nicht aber als fleischgewordenen Gott. Wer Jesus als Gottes Sohn bezeichnet, macht sich des „shirq“, (der Beigesellung) schuldig, was Abfall vom einen und einzigen Gott (Allah) bedeutet. Trinität ist im Koran und islamischen Denken Vielgötterei und damit blasphemisch:
„Ungläubig sind diejenigen, die sagen: Allah ist Christus, der Sohn der Maria“ (Sure 5,17). „Ungläubig sind diejenigen, die sagen: Allah ist Christus, der Sohn der Maria. Christus hat gesagt: Ihr Kinder Israel! Dienet Allah, meinem und eurem Herrn! Wer Allah andere Götter beigesellt, dem hat Allah den Eingang in das Paradies versagt. Das Höllenfeuer wird ihn aufnehmen“ (Sure 5,72).

Gleichstellung Mohammeds mit Jesus

Die christlichen Leiter, die den Antwortbrief unterschrieben haben, zeigen sich nicht nur bereit, die zweite und dritte Meile mit ihren islamischen Gesprächspartnern zu gehen; sie vermeiden auch Reizbegriffe wie Kreuz und Sohn Gottes – ganz wie von den Moslems stillschweigend gewünscht und vorausgesetzt. Das zeigt sich im Antwortschreiben darin, dass Aussagen von Jesus und Mohammed verglichen und einander gleichgesetzt werden. Mohammed wird selbstverständlich und fraglos als Prophet tituliert und auf die Ebene der biblischen Propheten und deren Autorität als Verkündiger Gottes erhoben. Dessen nicht genug wird er als der Vergebende und Feindliebende gelobt und in seiner menschlichen und ethischen Integrität Jesus gleichgestellt.
In der christlichen Antwort wird zudem eine Aussage Jesu in einem fragwürdigen Zusammenhang zitiert und so die Botschaft ihres Inhalts entfremdet. Da steht, am Ende seines Lebens habe Jesus für seine Feinde gebetet; als ob Jesus alt und lebenssatt eines natürlichen Todes gestorben wäre. Dass er am Kreuz hängend um Vergebung für die bat, die ihn verkannt und getötet hatten, wird ausgeblendet. Jesu Fürbitte für seine Feinde geschah nicht nur, weil Jesus ein versöhnlicher, grossartiger Charaktermensch war, der seinen Feinden Böses nicht mit Bösem vergalt. Solches haben Gandhi und andere menschliche Grössen auch getan. Bei Jesu Fürbitte am Kreuz ging es nicht primär um das Schreckliche, das die Menschen ihm antaten. Es war in erster Linie ein Ringen um das Heil einer Menschheit, die die Finsternis dem Licht vorzog, die Gott ins Angesicht spuckte, die ihren Hass auf Gott über seinen geliebten Sohn ausgoss.

Wo ist das Kreuz?

Die Christen haben den Kontext des Kreuzes stillschweigend unterschlagen, weil das Kreuz für die Moslems ein Hauptärgernis ist. Nach dem Koran wurde Jesus weder gekreuzigt, noch war er der Gottessohn, der die Welt durch sein Sterben und seine Auferstehung erlöste.
„Und weil sie sagten: Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Allahs, getötet – aber sie haben ihn in Wirklichkeit nicht getötet und auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich (so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten). Und diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie haben kein Wissen über ihn, gehen vielmehr Vermutungen nach. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet. Nein, Allah hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben. Allah ist mächtig und weise“ (Sure 4,157-158).
Es mag sein, dass Mohammed Menschen, die ihm übel wollten, mit Vergebung begegnet ist. Ihn aber deswegen Jesus gleichzustellen, scheint mir nur dadurch erklärlich, dass der Wunsch nach Sicherheit und Weltfrieden die Sichtweise der christlichen Leiter aufs Massivste getrübt hat. In einer von Krieg, Terror, Hass und Ungerechtigkeit geschüttelten Welt nicht von der Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit bewegt und beseelt zu sein, wäre ja auch herzlos und unverständlich. Ich kann sehr gut verstehen, dass dieser Wunsch uns umtreiben und zu Kompromissen drängen kann. Ich bin mit dem täglichen Ringen um Frieden vertraut, lebe ich doch seit 20 Jahren in engster Nachbarschaft mit Moslems und Juden. Die Moslems liegen mir am Herzen, weil sie Gott am Herzen liegen.

Was ist Frieden?

Es gibt niemanden, der den Frieden für die Menschheit mehr will als der Gott der Bibel. So verkündete der Engel bei der Geburt Jesu: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen sein Wohlgefallen“ (Luk 2,14). Gott will Frieden. Und er bringt den Frieden in diese Welt durch seinen Sohn Jesus: „Denn er ist unser Friede“ (Eph 2,14); „er heisst ... Friedefürst; auf dass seine Herrschaft gross werde und des Friedens kein Ende“ (Jes 9,5-6); „denn er wird Frieden gebieten den Völkern“ (Sach 9,10).
Gott hat den wahren Frieden an die Herrschaft seines Sohnes gebunden, der in den Herzen derer wohnt, die ihn zum Fundament und Inhalt ihres Glaubens, Lebens und Denkens gemacht haben. Dem Evangelium zufolge ist der Friede die Person Jesus selber. Er ist „das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt“ (Joh 1,29) und Hass, Krieg und Zerstörung überwindet. Das Evangelium von Jesus Christus ist eine Botschaft des Friedens und der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen. Denn Gott hat den Einzigen, der von Sünde, Hochmut und Anmassung nichts wusste, „für uns zur Sünde gemacht“ (2. Kor 5,21), damit wir durch ihn Vergebung, Versöhnung und Frieden erlangen. Gott macht die Art, wie wir Menschen zum Frieden kommen können, in seinem Wort klar: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5).
Für den wahren Frieden ist also das stellvertretende Sterben des Sohnes Gottes am Kreuz absolut zentral und unabdingbar. Paulus, der orthodoxe Jude und Pharisäer seiner Zeit reduzierte daher seine ganze Verkündigung auf das eine: „Ich habe mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen, als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten“ (1. Kor 2,2). Paulus, der mehr als die meisten seiner Volkgenossen über Quellen des Wissens und der Erkenntnis verfügte, erkannte demütig, dass alles beim Alten bliebe, wenn Christus nicht gekreuzigt worden wäre, um als Lamm Gottes die Schuld und Strafe der Menschen auf sich zu nehmen. Es gäbe keine Vergebung, keine Versöhnung, keinen Frieden, keinen Neuanfang, keine Gerechtigkeit, kein Licht: Finsternis, Sklaverei und Tod würden endlos über die Menschen herrschen.

Gesichtsloses Bekenntnis

Das Evangelium macht keinen Unterschied zwischen Christen, Moslems, Juden oder wie wir uns auch nennen mögen. Von allen heisst es: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer ... Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer ... auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, und den Weg des Friedens kennen sie nicht“ (Röm 3,10-17). „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist“ (Röm 3,23-24). Nur durch Jesu Opfertod können die Menschen errettet und friedensfähig werden. Der gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes ist allein Friedefürst und Herr über die ganze Erde. Es wird in keinem anderen Namen Frieden geben. Das muss das Fundament und Bekenntnis jedes Christen sein. Für den Islam (und das rabbinische Judentum) hingegen ist dieses Bekenntnis eine unerträgliche Gotteslästerung.
Könnte die islamische Welt mit uns auch dann in Frieden und Versöhnung leben, wenn wir dieses Bekenntnis nicht ausklammerten und totschwiegen? Wollen wir den Moslems gesichtslos und bekenntnislos begegnen? Wollen wir unser Erbe für ein Linsengericht verschachern? Sollten wir um eines undurchsichtigen und unwahrhaftigen Versöhnungsangebots willen die zentrale Botschaft des Kreuzes verschweigen? Wenn wir glauben, dass in Jesus die Gnade und Wahrheit Gottes zu uns gekommen ist, wie können wir den Moslems die frohe Botschaft der Errettung ihrer ewigen Seelen vorenthalten? Denn da wird es letztlich enden. Das islamische Denken fordert von der gesprächsbereiten Christenheit den Verzicht auf Mission und Evangelisation. Das muss die Voraussetzung zum Frieden zwischen den beiden Religionen sein. Wenn die Christen ein Ja zu gemeinsamen Grundlagen in wesentlichen Glaubensinhalten und -zielen haben, erwarten die Moslems zu Recht, dass die Christen den Islam in seinem Gottesverständnis, in seinem Wahrheitsanspruch, in seiner Notwendigkeit für die Menschen (zumindest in der islamisch geprägten Welt) als dem Evangelium ebenbürtig anerkennen.

Fatale Folgen für die Mission

Unter solchen Umständen würde Mission unter Moslems keinen Sinn mehr machen. Sie wäre ein Ausdruck von christlicher Doppelzüngigkeit und Unwahrhaftigkeit. Denn Mission heisst immer, den Glaubensinhalt oder die Weltanschauung desjenigen, dem man die Botschaft bezeugt, in Frage zu stellen. Christliche Mission ist die Aufforderung an die Menschen, sich der Offenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus zuzuwenden. Jesus ist der einzige Weg, der zum himmlischen Vater führt; dadurch werden alle andern Wege zu Irrwegen. Jesus ist die einzige Wahrheit über den Vater; so werden alle anderen Glaubensbekenntnisse bedeutungslos. Als Tür zum Leben macht Jesus alle anderen Türen zu Sackgassen. Jesus ist die einzige Lebensquelle, die Gott dem Menschen gegeben hat. Und das ist für den Islam (und für jede andere Religion) ein Ärgernis, eine Zumutung und Beleidigung.
Vom Evangelium her gesehen gibt es keinen Spielraum. Leben und Tod, Gericht und Gnade, Erlösung und Verdammnis entscheiden sich einzig und allein an Jesus Christus. Wenn wir glauben, dass das Evangelium wahr ist, müssen wir der Tatsache ins Auge schauen, dass der Islam uns als ungläubige Götzendiener bezeichnet. „Ungläubig sind diejenigen, die sagen: Allah ist Christus, der Sohn der Maria“ (Sure 5,17). Die Botschaft des Islam mag noch so viele geistliche und religiöse Wahrheiten enthalten: in Bezug auf die Erlösung des Menschen aus Gericht und Finsternis ist der Islam unbedeutend und leer.

Wir müssen uns entscheiden

Wir kommen nicht darum herum, uns zu entscheiden, was unsere Prioritäten sind. Entweder verzichten wir auf das Bekenntnis des Gekreuzigten und schaffen damit das Ärgernis aus unserer Mitte weg. Damit ermöglichen wir zwar eine konfliktfreie Beziehung zu den Moslems und fördern den sogenannten Frieden, lassen aber das Evangelium zu einer beliebigen religiösen Kultur verkommen. Oder wir halten am Ärgernis des Kreuzes fest und müssen mit der Tatsache leben, dass wir weiterhin Zielscheibe von islamisch generiertem Ärger, Ablehnung und Feindschaft sind.
Jesus kam nicht primär, um die Konflikte und Auseinandersetzungen in dieser Welt zu beenden, sondern um die unsterbliche Seele des Menschen zu retten und den Weg zum himmlischen Vaterhaus zu öffnen. Darum heisst es: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und dabei Schaden nähme an seine Seele“ (Matt 16,26)?  Als Gemeinde Christi müssen wir uns entscheiden, was wir zu unserer Priorität machen wollen: die Bedürfnisse des Menschen nach zeitlicher Sicherheit und Konfliktfreiheit oder das Anliegen Gottes, „der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4).

Offensichtliche Widersprüche

In meinem Buch „Islam, Israel und die Gemeinde“ und in einigen Artikeln bin ich wiederholt auf das Selbstverständnis des Islam eingegangen. An dieser Stelle möchte ich nur die Redlichkeit und Wahrhaftigkeit des Angebots der islamischen Gelehrten ansprechen. Wenn die islamischen Gelehrten die Christenheit als ebenbürtige und gleichwertige Glaubensgemeinschaft anerkennen und respektieren wollen, um Frieden und Versöhnung zu ermöglichen, müssten sie sich von einigen zentralen Glaubensinhalten des Korans distanzieren. Oder wie wollen sie in Zukunft mit Suren wie dieser umgehen: „Ungläubig sind diejenigen, die sagen: Allah ist Christus, Sohn der Maria“ (Sure 5,17+72)? Wir Christen glauben tatsächlich, dass Christus der Sohn der Maria und Gottes Sohn ist, denn es steht geschrieben: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort ... Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,1+14). Demnach gehören wir laut Koran zu den Ungläubigen. Über die Ungläubigen sagt der Koran ein oft wiederholtes Wort: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben (Juden und Christen) – kämpft gegen sie, bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten (bis sie ganz unterworfen sind)“ (Sure 9,29). In Sure 9,30-33 wird weiter betont, dass diejenigen, die an Christus als Gott glauben und ihn als Herrn angenommen haben, Verfluchte sind: „Die Christen sagen: Christus ist der Sohn Allahs ... Sie tun es mit dieser Aussage denen gleich, die früher ungläubig waren. Allahs Fluch über sie! Wie können sie nur so verschroben sein! Sie haben sich ihre Gelehrten und Mönche sowie Christus, den Sohn der Maria, an Allahs Statt zu Herren genommen. Dabei ist ihnen doch nichts anderes befohlen worden, als einem einzigen Gott zu dienen, ausser dem es keinen Gott gibt ... Er ist erhaben über das, was sie ihm an anderen Göttern beigesellen. Er ist es, der seinen Gesandten (Mohammed) mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt hat, um ihr zum Sieg zu verhelfen über alles, was es sonst an Religion gibt – auch wenn es den Heiden zuwider ist.“ In Sure 3,12+19 heisst es: „Sag zu denen, die ungläubig sind; Ihr werdet besiegt und zur Hölle versammelt werden – ein schlimmes Lager! Als (einzig wahre) Religion gilt bei Allah der Islam ... Wenn aber einer nicht an die Zeichen Allahs glaubt, ist Allah schnell im Abrechnen.“
Bei solchen Aussagen kann es nicht verwundern, wenn wir weiter lesen: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden. Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschliesst, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen). Allah leitet das Volk der Frevler nicht recht“ (Sure 5,51). Diese Aufforderung wird in Sure 5,57 und an anderen Stellen im Koran wiederholt. Dort werden Juden und Christen als Ungläubige bezeichnet, die schon vor den Moslems die Schrift erhalten haben, den Offenbarungen Mohammeds jedoch nicht gehorchten und deshalb nicht der wahren Religion des Islam angehören. Mit solchen sollen Moslems keine freundschaftliche Beziehung eingehen.

Frage an die islamischen Gelehrten

Meine Frage an die islamischen Gelehrten wäre, wie sie mit diesen zentralen Aussagen des Islam umgehen. Glauben sie, dass alle, die an Jesus als Gottessohn und Erlöser der Welt glauben, Ungläubige und Gottverdammte sind, mit denen ein echter Moslem keine freundschaftliche Beziehung haben darf? Mehr noch: Glauben sie, dass der Koran dazu auffordert, die Christen zu bekämpfen und unter die Herrschaft des Islam zu unterwerfen, damit sie die Moslems nicht zum Abfall vom Islam verführen können?
Selbst wenn diese islamischen Gelehrten unter dem Patronat des gemässigten und politisch westlich orientierten Königs Abdullah von Jordanien tatsächlich bereit wären zu religiöser Toleranz und Kompromissen, so würden sie hier weder die grosse Mehrheit der Moslems noch den wirklich einflussreichen Islam vertreten. Der Islam kann die Kernaussage des Evangeliums nicht akzeptieren, ohne seine Identität zu verlieren; denn der Islam definiert sich aus seiner Absetzung vom Christentum und Judentum.

Clevere Strategie

Ich glaube, dass es bei dieser Versöhnungsinitiative nicht so sehr um Kompromisse oder Toleranzangebote seitens des Islam geht als vielmehr um eine clevere Strategie, um den christlichen Glauben in seiner missionarischen Kraft zu lähmen. Durch die Umarmung der Christenheit soll diese in ihrem Einfluss geschwächt und genötigt werden, von Positionen abzurücken, die für den Islam und die islamische Welt ein Stein des Anstosses sind. Ein anderes Ziel besteht darin, die Rechte und den Einfluss der islamischen Gemeinschaft im Westen zu stärken und zu fördern.
Als Jünger Jesu ist es mir ein tiefes Anliegen, den Moslems mit Respekt, Freundschaft und Liebe zu begegnen. Gott liebt sie mit der gleichen Liebe wie alle andern Menschen auch. Wie könnten wir anders, als ihnen Gottes Frieden und Güte wünschen und dies durch unser Leben bezeugen. Wir wollen die Moslems als Menschen achten und lieben. Ihnen dabei das Evangelium vorzuenthalten, wäre aus der Sicht der Bibel aber die grösste Lieblosigkeit, die wir ihnen gegenüber begehen könnten. Sie werden den Weg zum Vaterhaus Gottes nicht finden, es sei denn durch den Gekreuzigten. Diese Tatsache kann uns – wenn wir sie wirklich glauben – nicht kalt und gleichgültig lassen.
Um Christi und um der Errettung der 1,4 Milliarden Moslems willen bitte ich alle christlichen Leiter, die sich dem Gekreuzigten verpflichtet wissen und das Antwortschreiben unterschrieben haben, innezuhalten, um zu überdenken, welche Botschaft sie damit vermitteln. Mohammed als Prophet im gleichen Atemzug wie Jesus zu nennen, ihn mit Jesus zu vergleichen, bringt erstens Verwirrung über die Christenheit; zweitens wird dadurch die Kraft des Evangeliums unter den Moslems geschwächt, weil der Islam aufgewertet wird und das Evangelium seine Notwendigkeit für die Menschheit verliert.

Diskriminierte Christen in islamischen Staaten

Mit welchem Enthusiasmus, welcher Blauäugigkeit und Leichtigkeit christliche Leiter der islamischen Welt, deren „offizielle“ Vertreter sich als Versöhner und Friedensförderer ausgeben, die Hand zum Frieden bieten, ohne meines Erachtens nur halbwegs nüchtern die reale Haltung des Islam gegenüber Christen und Juden zur Kenntnis zu nehmen, müsste uns eigentlich in Erstaunen versetzen. In fast allen islamischen Ländern werden Christen von Regierung und Gesellschaft diskriminiert, in ihren Rechten eingeschränkt, oft misshandelt, verfolgt, vertrieben und nicht selten umgebracht, weil sie als ein unzumutbarer Fremdkörper betrachtet werden. In keinem islamischen Land, in dem Christen nicht eine traditionelle, jahrhundertealte Minderheit bilden, ist es Christen erlaubt, öffentlich und ohne Bedrohung und Verfolgung ihren Glauben auszuleben, geschweige denn Kirchen und christliche Einrichtungen zu bauen. In Saudi-Arabien, dem Mutterland des Islam, dürfen ausländische Christen nicht einmal in ihren eigenen Häusern hinter verschlossenen Türen mit anderen Christen zusammen ihre Bibel lesen, ohne mit Übergriffen rechnen zu müssen. Hat man je von einer einzigen Kirche in Saudi-Arabien gehört? Mekka und Medina, die heiligen Stätten des Islams, darf kein nicht-islamischer Fuss betreten. Man stelle sich vor, Moslems wäre es durch religiöse und staatliche Gesetze verboten, ihren Fuss in den Vatikanstaat zu setzen oder die Klagemauer zu besuchen! Die islamische Welt würde auf eine solche Diskriminierung mit Empörung und Gewalt reagieren.
Die Gewalt an Christen in islamischen Ländern scheint für gewisse christliche Leiter ein Tabuthema geworden zu sein. Den Mord an den Missionaren in der Türkei im April 2007 hat man als Akt extremistischer Elemente abgetan und unter den Tisch gewischt. In Ägypten – ein Land, das vor der Eroberung durch den Islam christlich geprägt war – leben die Christen in einer permanenten Rechtlosigkeit. Dauernd werden christliche Mädchen entführt, islamisiert und mit Moslems zwangsverheiratet, ohne dass sich die ägyptische Regierung einen Deut darum schert. Und das trotz dem Aufschrei einheimischer Christen und internationaler Menschenrechtsorganisationen.
Mit der gleichen Vehemenz, mit der sich die islamische Welt für die Rechte und Belange der Moslems und des Islam in der westlichen Welt einsetzt und dazu die Zusammenarbeit mit der Kirche sucht und diese als Friedensstifter beschwört, verbittet sie sich eine Einmischung in ihre internen Angelegenheiten. Die Art und Weise, wie die islamische Welt mit Christen und Andersgläubigen umgehe, sei ihre eigene Angelegenheit. In der Tat ruft jede Form von Infragestellung oder Kritik sehr empfindliche Reaktionen hervor.
Eine Zusammenarbeit mit den Christen würde sich also nur auf die Belange des Islam und der Moslems im Westen beziehen. In einer islamisch-christlichen Koalition würden Christen, die glauben, dass Moslems mit dem Evangelium erreicht werden müssen, für die Kirche zum Problem werden. Denn missionierende Christen sind für den Islam mehr als ein Ärgernis: Sie tun ein gotteslästerliches Werk unter Moslems, das vom Koran schlimmer als Mord eingestuft wird. „Der Versuch, Gläubige zum Abfall vom Islam zu verführen, ist schlimmer als Töten“ (Sure 2,191). Christliche Mission heisst, Moslems zum Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes und Erlöser der Welt zu führen. Darauf kann nach islamischer Lehre nur mit Todesfeindschaft geantwortet werden: „Und kämpft gegen sie, bis niemand mehr versucht, Gläubige zum Abfall vom Islam zu verführen, und bis nur noch Allah verehrt wird!“ (Sure 2,193).
Ein Schulterschluss zwischen Christen und Moslems würde sich zudem unweigerlich in einer noch grösseren Distanzierung der Kirche Israel gegenüber niederschlagen. Denn Israel ist für die islamische Welt ein Schandfleck mitten in ihrem Territorium, der nach islamischem Verständnis nie akzeptiert werden kann.

Christenheit am Scheideweg

Wie könnte der Islam mit den Christen auf die Länge in Versöhnung und Frieden leben, wenn diese sich der islamischen Position nicht nähern würden? Müsste die Christenheit dem Islam nicht ihre Ernsthaftigkeit punkto Respekt, Anerkennung und Partnerschaft beweisen, indem sie die Quellen des Ärgers und der Bedrohung islamischer Ehre und Identität – nämlich christliche Mission und Freundschaft zu Israel – aus der Welt schafft? Wenn die Christenheit in Frieden und Koexistenz mit dem Islam leben will, wird dies nur unter Preisgabe der zentralen Botschaft des gekreuzigten und auferstandenen Sohnes Gottes möglich sein, verbunden mit einer Distanzierung vom Staat Israel. Ganz nach dem arabischen Sprichwort: „Die Feinde meiner Freunde sind auch meine Feinde.“ Etwas anderes zu erwarten, wäre meines Erachtens naiv. In einem solchen religiösen Friedenspakt, der sich ja nur auf die nicht-islamische Welt bezieht, wird der Islam an Einfluss und Macht gewinnen. Die Christenheit hingegen wird einen wachsenden Substanzverlust erfahren; ihre Botschaft wird zu einem religiös-humanistischen Credo verkommen, das – kraft- und bedeutungslos geworden – den Menschen in ihrer Not und Gottlosigkeit keine Antwort mehr zu geben vermag.
Was ich hier beschreibe, ist keine hysterische Überzeichnung, geboren aus Angst und Islamophobie, sondern schlicht meine Erfahrung und Kenntnis der Kirche, zu der ich mich ganz und gar zähle, und der islamischen Welt, in deren Kontext und Auseinandersetzung ich die letzten 20 Jahre meines Lebens verbracht habe. Wenn der Bauer den Samen kennt, kann er mit grosser Bestimmtheit sagen, welche Früchte eines Tages daraus erwachsen.
Als Folge von so genannten Friedens- und Versöhnungsprozessen wird sich der Islam im christlichen Raum mit grosser Selbstverständlichkeit darstellen; er wird gehört und verstanden werden wollen. Dem Evangelium hingegen wird in der islamischen Welt unmöglich Raum gegeben, damit es gehört und verstanden werde. Wie könnte der Islam, der die zentrale Botschaft des Kreuzes im Evangelium als gotteslästerlich betrachtet, dieser Botschaft in seiner Mitte Raum und Gehör schenken?
Wer das Ärgernis des Kreuzes und der Gottessohnschaft Jesu zu Gunsten von Weltfrieden, Konfliktfreiheit und Harmonie zwischen Gegenseiten totschweigt, der wird zwar für eine bemessene Zeit die Welt gewinnen, aber das Reich Gottes verlieren. Denn Jesus ist das Reich Gottes: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung“ (Kol 1,15). Ihn aber verlieren heisst für die Kirche und die Welt alles verlieren.

Koranangaben nach der Übersetzung von Rudi Paret

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