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Marcel Rebiai, August 2001
Das Böse überwinden
Nur ein deutsches Problem?
Auch Schweigen ist Schuld
Den guten Menschen gibt es nicht
Ein verhängnisvoller Irrtum
Das Böse kommt mit Gewalt
Das Einfallstor der Minderwertigkeit
Die Erlösungsbedürftigkeit der Kirche
Die zehn Gerechten
Sündenbock Israel
Die Stimme der Kirche
Hoffnung und Zukunft
Das Böse überwinden
Im Mai besuchte Marcel Rebiai mit einer Gruppe jüdischer Gemeindeleiter das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im heutigen Polen. An diesem Ort unvorstellbaren Grauens wurden innerhalb von zwei Jahren 1,75 Millionen Juden ermordet.
Auschwitz ist jedoch mehr als eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Was sich hier vor 60 Jahren abgespielt hat, wirft nach wie vor aktuelle und existentielle Fragen auf. Wir können es uns als Christen nicht mehr leisten, diesen Fragen auszuweichen und sie zu verdrängen.Wenn man nach Auschwitz kommt, das riesige Vernichtungslager betritt und mit einer unvorstellbaren Maschinerie von Grausamkeit, Demütigung, Folter, Tod und Erniedrigung konfrontiert wird, stellt sich einem unweigerlich die Frage: Wie ist so etwas möglich? Wie ist es möglich, dass der Mensch dem Menschen zum Dämon wird? Wie ist es möglich, dass Menschen so weit kommen, Kinder für medizinische Untersuchungen zu missbrauchen und unsäglichen Schmerzen und Seelenqualen auszusetzen, um sie hinterher zu vernichten? Wie ist es möglich, dass gebildete, kultivierte Menschen, die selber Familienväter sind, gleichzeitig das Bild des Bösen darstellen?
Nur ein deutsches Problem?
In diesen Räumen des Grauens realisierte ich, wie schwierig es ist, die Realität des Bösen, die einem in Auschwitz so offenkundig vor Augen geführt wird, an sein Herz heranzulassen. Ich begann zu verstehen, dass es nicht nur Holocaustleugner wie Neonazis, Rechtsextreme und Antisemiten gibt; es existiert eine Form von Holocaustverleugnung, die unter Juden und Christen zu finden ist. Nicht dass die Tatsache des Holocausts geleugnet würde - aber man weigert sich, sich auseinanderzusetzen mit dem Schmerz und der Wirklichkeit des abgrundtief Bösen, das hier zum Ausdruck kommt, und sich zu fragen, was die Ursache dieser Wirklichkeit ist.
In der Auseinandersetzung, wie im Holocaust, produziert durch das nationalsozialistische Regime, ein solches Ausmass an Bösem überhaupt möglich war, kann man sich natürlich fragen, ob das einfach ein deutsches Phänomen war - eine verständliche Frage, aber eine Frage, die wir, wie wir sehen werden, mit einem klaren Nein beantworten müssen.
Kurz vor meiner Reise nach Auschwitz hatte ich im "Le Monde" einen Artikel gelesen mit Auszügen aus der soeben erschienenen Biographie eines französischen Generals. Dieser beschreibt in seiner Biographie mit abstossender Sachlichkeit, wie er im französisch-algerischen Krieg Hunderte von Menschen folterte und tötete, ohne Gefühle zu haben, weder Mitleid noch Hass. Er bedauerte einzig, dass viele starben, ohne die gewünschten Informationen preiszugeben. Er tat einfach seine Arbeit, und diese bestand darin, zu foltern und zu töten. Hier handelt es sich um einen Franzosen, nicht um einen Deutschen! Und wir erinnern uns an den Völkermord anfangs Jahrhundert, in dem die Türken 1,5 Millionen Armenier umbrachten. In den Siebzigerjahren wurden in Kambodscha unter Pol Pot über eine Million Menschen ermordet. Im sowjetischen Gulag verloren ebenfalls Millionen von Menschen ihr Leben. In den Neunzigerjahren folgten die Massaker in Ruanda und Burundi, Bosnien, Serbien, Kosovo. Im 20. Jahrhundert wurden Millionen von Menschen gedemütigt, gefoltert und am Schluss hingerichtet.
Auch Schweigen ist Schuld
Was wir konzentriert in Auschwitz vorfinden, ist ein universelles Muster, das auf der ganzen Welt und durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder auftaucht. Es ist eine grosse Versuchung, dieses Muster auf einzelne Menschentypen oder auf gewisse Völker zu reduzieren. Man könnte zum Beispiel einwenden, dass die Schweiz nichts mit den Konzentrations- und Vernichtungslagern zu tun gehabt habe. Es ist aber heute erwiesen, dass die Schweizer Regierung und auch ein Teil der Bevölkerung um die Deportation und Ermordung der Juden wussten. Diesem Morden wurde nicht entgegengetreten, und dadurch wurde das Vorgehen der Nazis gebilligt. Die Grenzen für jüdische Flüchtlinge wurden zugemacht und Tausende von Menschen in den Tod geschickt. Die Grosseltern eines guten Freundes von mir wurden zum Beispiel an der schweizerisch-französischen Grenze zurückgewiesen und sogleich von den Deutschen verhaftet; sie kamen in den Gaskammern von Auschwitz um.
Es muss klar gesagt werden, dass alle, die in der Schweiz um die Naziverbrechen wussten und Menschen ausgewiesen haben, nicht weniger von dem Ungeheuerlichen betroffen sind, das geschehen ist. Durch ihr Schweigen sind sie genauso schuldig geworden wie die Menschen, die an vorderster Front Werkzeug des Bösen waren. Und auch hier die Frage: Warum? Wie ist das möglich in einer zivilisierten Gesellschaft, die durch die Geschichte etwas anderes hätte gelernt haben können?
Die westlichen Nationen, Gläubige inbegriffen, hätten sensibilisiert sein müssen durch die über zweitausendjährige Geschichte der Verfolgung der Juden. Man kann nicht sagen, dass sie von der Entwicklung der Behandlung der Juden in Deutschland überrascht wurden. Antisemitische Tendenzen hatten sich immer stärker manifestiert, ohne dass man ihnen genügend Beachtung geschenkt hätte. Wir müssen auf der Hut sein, wenn wir heute sagen, dass so etwas wie der Holocaust nicht mehr geschehen kann. Gerade der Holocaust ist ein Zeugnis dafür, dass die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt, auch nicht aus der Geschichte des jüdischen Volkes. Der Mensch lernt nicht aus dem Wissen über das Geschehene, nicht einmal aus seiner Erfahrung, sondern nur, wenn er sich bewusst mit der Wurzel, der Ursache auseinandersetzt und sich seiner eigenen Anfälligkeit zum Bösen bewusst wird. Wir müssen also in der Tiefe verstehen lernen, warum das Böse so überhand nehmen konnte und immer wieder kann.
Den guten Menschen gibt es nicht
Während der Besichtigung des Vernichtungslager in Auschwitz erinnerte mich Gott an das dritte Kapitel des Römerbriefs. Ich las, was Paulus über Juden und Heiden geschrieben hat: "Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluch und Bitterkeit. Ihre Füsse eilen, Blut zu vergiessen. Vernichtung und Unheil ist auf ihren Pfaden. Den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt. Es ist keine Gottesfurcht in ihren Augen." (Römer 3, 10-18)
Diese Beschreibung malt ein treffendes Bild, wie man sich einen SS-Offizier vorstellt, einen Menschen, der vom Bösen beherrscht ist. Aber diese Beschreibung wurde nicht für die Nazis geschrieben. Sie gilt ausnahmslos jedem Menschen. Würden wir dieses Wort in der Tiefe unseres Herzens glauben, so würde es uns einen überwältigenden Schrecken einjagen. Man ist sehr schnell versucht, die Realität des Bösen zu reduzieren auf Menschen, bei denen dieses Böse offensichtlich zutage tritt, zum Beispiel auf Hitler und seine Helfer, also einige wenige Menschen, deren Wesen ganz vom Bösen durchdrungen war, die die Todesmaschinerie des Nazi-Deutschlands in Gang brachten. Die anderen, die diese Befehle blindlings ausführten oder dazu schwiegen, versucht man ein Stück weit zu entschuldigen. Das Wort Gottes sagt uns aber, dass das Böse im Herz eines jeden Menschen ist. "Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." (1. Mose 8, 21)
Weil das Böse Gott hasst, will es die gefallene Schöpfung beherrschen, alles darin vernichten, was an Gott erinnert und sein Ebenbild trägt, und den Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, in sein eigenes Bild verwandeln; das heisst, der Mensch macht sich selber zum Zentrum und Massstab aller Dinge. Hochmut und Dünkel, genährt von einer tiefen Minderwertigkeit, werden zur Quelle von Menschenverachtung, Gewalt, Terror, Unbarmherzigkeit, Grausamkeit. Indem der Mensch über Tod und Vernichtung bestimmt, meint er, das Leben beherrschen zu können. Das ist das Wesen des Bösen.
Dass das Böse Leben vernichten will, zeigt sich in Auschwitz in konzentrierter Form. In den Vernichtungslagern des 2. Weltkriegs wurden Millionen Menschen umgebracht von Menschen ohne innere Beteiligung und Gefühle, ausser der Befriedigung, Macht ausüben zu können. Hier kommt der wahre Ausdruck des Bösen zum Vorschein: Menschen zu töten ohne Mitleid und ohne Hass, mit einem unbeteiligten Herzen. Es ist beinahe nicht nachzuvollziehen, dass KZ-Kommandanten liebevolle Familienväter waren, ihre Häuser und Gärten pflegten, ein Empfinden für schöne Musik hatten und sich mit Theater und Kunst befassten - und gleichzeitig in einer absolut bösen und gnadenlosen Form Leben vernichteten.
Diese Tatsache zeigt, wie sehr sich das Böse des Menschen bemächtigen kann, der nicht unter der Herrschaft Gottes lebt. Auschwitz ist ein offensichtlicher Beweis, dass es den guten Menschen nicht gibt. Der kultivierte, gebildete Mensch ist nicht der gute Mensch, auch wenn wir oft diesen Zusammenhang herstellen wollen, genau so wie die westliche Zivilisation kein Ausdruck für die Realität des Guten im Menschen ist.
Ein verhängnisvoller Irrtum
Wir müssen nüchtern sein und uns der Macht des Bösen und seines Zugriffs auf das menschliche Herz bewusst werden, damit wir die warnen können, die uns anvertraut sind; und vor allem müssen wir uns die Frage stellen, wie wir das Böse überwinden können. Weil das Böse in jedem von uns Realität ist, kann sich die Finsternis, die Grausamkeit, die absolute Bösartigkeit eines Holocausts jederzeit wiederholen. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, dass die Geschichte des Holocausts für Deutschland, aber auch für die Schweiz und die anderen direkt oder indirekt beteiligten Nationen Vergangenheit ist, die man endlich hinter sich lassen sollte und die sich selbstverständlich nicht mehr wiederholen werde. Das Böse ist eine Wirklichkeit des menschlichen Herzens und wird sich des Menschen immer wieder bemächtigen, wenn dieser ihm nicht entschieden Widerstand leistet.
Das Böse kommt mit Gewalt
Weil das Böse in Form von Gewalt kommt, hat es Zugang zu Menschen, die um ihr eigenes Leben fürchten. Seine Forderung ist klar: Wenn wir uns nicht beugen und mitmachen, werden wir unser Leben verlieren. Hunderttausende haben im Nazi-Deutschland und in den umliegenden Ländern geschwiegen oder mitgemacht, obwohl sie eigentlich spürten, dass es nicht richtig ist. Der Teufel weiss, dass der Mensch alles unternimmt, um sein eigenes Leben und das seiner Lieben zu retten. Wenn genug Druck da ist und der Mensch um sein Leben bangt, wird er sich beugen. Manchmal reicht schon die Angst um die materielle Existenz aus, sich dem Diktat der Gewalt zu beugen. Wie ist es anders erklärbar, dass in Deutschland so viele gebildete, mit Sicherheit nicht einfach gewissenlose Menschen dazu kamen, andere zu quälen, umzubringen, zu vernichten?
Im Buch der Offenbarung, Kapitel 12, 11 wird aufgezeigt, wie der Feind überwunden wird, nämlich von denen, die ihr Leben nicht liebhaben bis zum Tod. Solange wir um unser Leben kämpfen, sind wir für das Böse eine leichte Beute, ungeachtet unserer geistlichen Erkenntnis, unserer Erfahrungen und der Gaben, welche uns zuteil geworden sind. Die Angst um das eigene Leben fängt im kleinen an: Wir fürchten, das Gesicht zu verlieren. Wir fürchten uns vor Spott. Wir fürchten, ausgegrenzt zu werden als engstirnig, intolerant, fundamentalistisch, als religiöser Spinner und dem gesunden Menschenverstand nicht zumutbar. Wir fürchten um den eigenen Erfolg. Wir fürchten, verlieren zu können, was uns etwas bedeutet, zum Beispiel die eigene Unversehrtheit.
Wenn wir vor Anfeindung zurückschrecken, aus Furcht nicht wagen, uns für die Wahrheit einzusetzen, uns zu Jesus und zum jüdischen Volk, zu Gottes Wort und Absichten zu stellen, werden wir uns erst recht beugen, wenn es wirklich ernst gilt. Daher müssen wir uns fragen, ob es etwas in unserem Leben gibt, was wir nicht loslassen können. Wir wissen aus Matthäus 24, dass wir die Finsternis nicht hinter uns, sondern vor uns haben. Jesus sagt, dass die Gesetzlosigkeit, das Böse überhandnehmen und die Liebe in vielen erkalten wird. Das sind Menschen, die vom Teufel überwältigt werden können, weil sie nicht am Kreuz festhalten, sondern an ihrem eigenen Leben und an dem, was sie an diese Welt bindet. Was haben Menschen nicht alles getan, um ihr Leben zu retten?!
Das Einfallstor der Minderwertigkeit
Ein zweites Einfallstor für das Böse ist Minderwertigkeit, Stolz und Anmassung. Ein Mensch, der sich seines Wertes und seiner Identität nicht sicher ist, wird bedroht durch das Fremde, Andersartige, aber auch durch die Schwäche und das Elend, das ihn an die eigene Schwachheit erinnert. Diese Minderwertigkeit führt zu Stolz und Anmassung. Man macht sich selber zum Massstab, und aus der Minderwertigkeit heraus werden Rangordnungen erstellt, die definieren, was der Einzelne wert ist. Der Schritt von der Klassifizierung von Menschen bis zu ihrer Entwürdigung, zur Definition von Herren- und Sklavenrassen ist klein. Zu diesem Verhalten neigt jeder Mensch. Deshalb kann der Teufel Menschen durch ihre eigene Minderwertigkeit in eine solche Anmassung führen, dass in Herren- und Sklavenrassen gedacht wird. Es wird bestimmt, welches Leben entwickelt und welches eliminiert werden muss, weil es krank, schwach oder fremd ist. Mit dem jüdischen Volk sind zum Beispiel viele Zigeuner und auch Kranke, körperlich und geistig Behinderte umgebracht worden. Der Teufel hasst das Arme und Elende, denn damit kann er Gott verhöhnen. In Sprüche 17,5 steht: "Wer des Armen spottet, verhöhnt dessen Schöpfer."
Die Erlösungsbedürftigkeit der Kirche
Der Holocaust hat nicht nur die Realität des Bösen offenbar gemacht, sondern auch die Notwendigkeit der Erlösung des Menschen. Noch mehr: Der Holocaust offenbart auch, wie erlösungsbedürftig die Kirche mit allen Denominationen und Schattierungen ist.
Hätte die Kirche damals klar Stellung bezogen, dann hätte der Feind sie nicht so leicht mundtot oder sogar zu seinem Werkzeug machen können. Als in Auschwitz die mit Juden vollgepferchten Eisenbahnwaggons Richtung KZ rollten, waren die Schreie dieser Menschen im Dorf zu hören. Es ist überliefert, dass Priester ihre Gemeinde aufriefen, lauter zu singen, damit man diese Schreie nicht mehr hörte. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und den anderen umliegenden Ländern wusste ein Grossteil der Kirchen und Gemeinden um die NS-Verbrechen, aber die meisten schwiegen. Wo man zum Bösen schweigt, nimmt das Böse schleichend Besitz vom Herz des Menschen.
Die Kirche und damit wir alle, die Jesus als Herrn bekennen, müssen neu ergriffen werden von der Notwendigkeit, Erlösung zu erfahren und zu leben, und zum Kreuz umkehren. Nur am Kreuz wird das Böse vernichtet; nur am Kreuz verliert das Böse seinen Zugang zum Menschen. Für uns heisst das, die eigene Erlösungsbedürftigkeit wahrzunehmen, wie sie im dritten Kapitel des Römerbriefs formuliert wird, sie für unser eigenes Leben zu akzeptieren und von Herzen zu beten: Herr, erlöse uns von dem Bösen! Das Böse will uns von Gott und darum auch von unserem Bruder entfremden. Das Böse ist alles, was unser Tun und Trachten auf uns selber ausrichtet und unsere eigenen Bedürfnisse und Ziele zur Priorität macht; alles, was uns unserem Bruder gegenüber gleichgültig macht. Das Böse ist immer das, was uns dazu bringt, Sünde auf die leichte Schulter zu nehmen. Mit Sünde sind nicht nur in erster Linie moralische Vergehen gemeint, sondern der Mangel an Liebe und Vergebungsbereitschaft in unserem alltäglichen Umgang miteinander, die Schnelligkeit, mit der wir negativ und herabsetzend voneinander denken und dem andern schlechte Absichten unterschieben. Sünde ist unsere Weigerung, unseren Bruder und Nächsten, wer immer er ist, durch uns erfahren zu lassen, dass Gott bedingungslos für ihn ist. Es ist Sünde, wenn wir einen Bruder verletzt haben und ihn damit stehen lassen, oder wenn wir Brüdern gegenüber bitter geworden sind und nicht versuchen, das in Ordnung zu bringen. Sünde ist es, unser eigenes Urteil über die uns umgebenden Lebensverhältnisse und Geisteshaltungen in der Welt über das Wort und Gebot Gottes zu stellen. Wenn wir Sünde auf die leichte Schulter nehmen, dem Bösen nicht schon im kleinen Widerstand leisten, haben wir ihm auch wenig entgegenzusetzen, wenn es wirklich darauf ankommt.
Die zehn Gerechten
Es hat mich tief berührt zu sehen, wie in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern Menschen durch ihr Leben und Sterben das Böse überwunden haben, weil sie sich ihm von Anfang an widersetzten, ihr Leben nicht liebten und es sogar an einem solchen Ort für andere einsetzten. Es waren Menschen, die trotz Gewalt, Folter und Demütigung weder Hass noch Bitterkeit Raum gaben. Bei vielen konnte ihre Würde, ihr Wert dank ihrer Beziehung zu Jesus nicht zerstört werden. Diese wenigen Menschen wurden in dieser Hölle zu einem Zeichen der Hoffnung, auch wenn das vielleicht nur wenige mitbekamen.
Ein deutscher Pfarrer fragte einmal, warum Gott wohl Deutschland nach einem so ungeheuerlichen Verbrechen nicht der Zerstörung übergeben habe. Ich bin überzeugt, dass der Grund darin liegt, dass Gott in Deutschland seine "zehn Gerechten" , Männer und Frauen, gefunden hat, die freiwillig ihr Leben für andere hingaben. Sie hätten, wie alle anderen auch, schweigen und so ihr Leben retten können. Doch Widerstand gegen die Gewalt des Bösen ist möglich; das stellten diese Brüder und Schwestern unter Beweis, auch wenn sie Ungeheuerliches durchmachten und ihr Leben lassen mussten. Sie bezeugten damit, dass der Teufel nicht zerstören kann, was Jesus im Leben von Menschen schafft. Das gibt Hoffnung.
Wir können zwar nicht davon ausgehen, dass wir in Zukunft vor ähnlichen Situationen bewahrt bleiben, aber wir können von ganzem Herzen beten, dass wir uns schon jetzt nicht besiegen lassen, wo immer uns das Böse im Alltag begegnet, sondern ihm dasselbe Zeugnis entgegenhalten: das Zeugnis, dass Gott für unser Leben, unsere Würde, unsere Sicherheit sorgt und dass uns niemand nehmen kann, was Jesus in unserem Leben hat wachsen lassen.
Sündenbock Israel
So wie das Kreuz das Zentrum der Kirche sein muss, kann auch Israel nur durch das Kreuz vom Bösen gerettet werden. Obwohl das jüdische Volk von Gott erwählt ist, sind diese Menschen genau gleich empfänglich für das Böse. Wir müssen uns darüber klar sein, dass der Feind mit allen Mitteln versucht, diesem Volk sein Bild aufzudrücken. Gerade in der Auseinandersetzung mit den Palästinensern, durch das Erleben von Terror und Gewalt, ist Israel in Gefahr, in seiner Reaktion in dieselbe Spirale des Hasses, der Bitterkeit und Gewalt hineinzugeraten. Umso mehr müssen wir als Christen auf der Hut sein, der Welt mit ihrem Gerechtigkeitsempfinden nicht das Wort zu reden. Die Welt spielt sich zum Anwalt der Schwachen und der Opfer auf, bezeichnet Israel als Aggressor und "Goliath" und plädiert für Frieden. Der Nahost-Konflikt wird darauf reduziert, dass eine schwerbewaffnete Armee mit Panzern gegen steinewerfende Kinder vorgeht. An die Christen wird appelliert, es sei christliches Gebot, sich auf die Seite der Unterdrückten zu stellen. Der jüdische Staat wird zum Sündenbock gestempelt, der Gerechtigkeit und Frieden verhindert. Die einseitige, negativ geprägte Haltung der EU, der UNO und vieler Staaten gegenüber Israel muss zu denken geben. Ging es nicht in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg genau darum, dass die Juden die Sündenböcke waren, die die Arbeitsplätze wegnahmen, die Finanzplätze beherrschten und irgendwelche Machtkomplotte schmiedeten? Der Unterschied zu damals ist einfach der, dass heute nicht mehr die Juden diese Sündenbockrolle innehaben, sondern der Staat Israel. Wenn man bedenkt, mit welcher Zurückhaltung die EU, die UNO und überhaupt die Nationen Greueltaten und Menschenrechtsverletzungen in islamischen Ländern, aber auch in Afrika, Russland, China und Asien behandeln und welcher Massstab hingegen - natürlich im Namen der Gerechtigkeit - an Israel gelegt wird, dann kann es einem übel werden vom Geruch der Heuchelei und Doppelbödigkeit. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist legitim und notwendig. Aber wenn sie nur an die einen, in diesem Fall an Israel, gestellt wird und selten bis nie an die politische und religiöse Führung der Palästinenser, die über Fernsehen, Radio und Zeitungen täglich zu Hass, Gewalt und Mord gegen das jüdische Volk aufruft; wenn dieses Verhalten im Gegenteil noch entschuldigt und erklärt wird, wenn es auf jüdischer Seite viele Menschen das Leben kostet - dann kann es einem nicht verübelt werden, wenn der Verdacht aufkommt, dass es hier weniger um Gerechtigkeit als um den alten Ungeist geht, der heute Israel an den Pranger stellt und damit die Juden meint.
Die Stimme der Kirche
Bedrückend ist es, nicht selten die Stimme der Kirche in dieser einseitigen Anklage Israels an vorderster Front zu hören. Der Staat Israel ist nicht perfekt. Es gibt Fehler, Versäumnisse, Ungerechtigkeit, Stolz, Hochmut. Doch welcher Staat, welcher einzelne Mensch kann sich nach einem Blick in das eigene Herz anmassen, den ersten Stein zu werfen? Israel kann und muss kritisiert werden, aber nur von denjenigen, die denselben Massstab der Gerechtigkeit gleichermassen an sich selbst und an andere Völker anlegen. Der Staat Israel und mit ihm das jüdische Volk darf nicht wieder zum Sündenbock werden für die Ohnmacht und das Versagen der Völker.
Es braucht heutzutage Mut, sich als Christ entschieden solchen vordergründigen und unreflektierten Gerechtigkeitsparolen zu widersetzen, welche die Feindschaft gegen Israel fördern. Bei vielen wird man dann als intolerant, engstirnig und ungerecht verschrieen. Wir müssen den Mut aufbringen, für die Wahrheit einzustehen durch das Wort unseres Zeugnisses, wie es in Offenbarung 12, 11 heisst. Wir wollen nicht die eigene Meinung, die eigene Interpretation der Geschichte und der politischen Zusammenhänge zum Massstab machen, sondern die Autorität des Wortes Gottes. Hier wissen wir, dass der Gott, der in seiner Souveränität das jüdische Volk erwählt und ihm das Land verheissen hat, ein Gott des Lebens ist. Er wird Israel erlösen und zum Segen für alle Völker setzen.
Wenn die Gemeinde nicht inne wird, durch welche Türe das Böse Einlass sucht, wird sie dort enden, wo sie im zweiten Weltkrieg gestanden hat. Diese Kirche, die bis auf wenige Ausnahmen dem Bösen nicht entgegentrat, hinterliess mit ihrem Zeugnis dem jüdischen Volk gegenüber einen grossen Schaden. Angesichts der Entwicklungen in Deutschland, der Schweiz und in ganz Europa gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sich in der kommenden Zeit der Holocaust nicht wiederholen wird - im Gegenteil: Ich glaube, dass die Gemeinde in der Beziehung zum jüdischen Volk sehr bald ihre zweite Chance bekommt. Dann wird sie zeigen können, ob sie nicht mehr zur schweigenden Mehrheit gehören will, die so viele gute humanistische Argumente gegen Israel und das jüdischen Volk zur Hand hat, sondern eine Gemeinde sein will, die "überwindet durch das Blut des Lammes, durch das Wort ihres Zeugnisses, und ihr Leben nicht liebt bis in den Tod".
Hoffnung und Zukunft
Zurück zu Auschwitz: Als wir in diesen Gaskammern und Krematorien standen, beteten und sangen, bewegte es mich neu, dass der Teufel mit seinen Absichten nicht zum Ziel kommt: 60 Jahre später stehen wir an diesem Ort und bezeugen, dass das jüdische Volk und jeder, der zu Jesus kommt, eine Zukunft hat. Diese Zukunft und Hoffnung wollen wir in unser Leben, ins jüdische Volk und in die Welt hinaus proklamieren: Es gibt Zukunft, es gibt Hoffnung - aber nur vom Kreuz her.